Die Kunstform Oper kennt nicht nur den Weg nach oben in die Sphären erhabener Gefühle und seelenberührender Schönheit. Sie fühlt sich auch unten ganz wohl, in der Gosse, wo die Schminke verläuft, die Perücken verrutschen und die Alkoholfahnen wehen. Wo das Glück klein und die Einsamkeit groß ist und an die Stelle von Anbetung und Liebestod Sex and Crime treten. Nicht nur die ewig gültigen Mythen und klassischen literarischen Stoffe haben die operntaugliche Fallhöhe. Auch in der Wirklichkeit von heute kann sie einem entgegengähnen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte der Yellow-Press-Ikone Anna Nicole Smith , die sich in einem lebenslangen Rausch voller Sex, Drogen, Tabletten, Schönheitswahn und unerfüllter Glamoursehnsucht zugrunde richtete. Vor drei Jahren wurde sie – weltberühmt, aber ein psychisches Wrack – nach einer Überdosis von Schmerz- und Betäubungsmitteln auf den Bahamas tot aufgefunden. Anna Nicole Smith, die eigentlich Vickie Lynn hieß, stammte aus einem 700-Seelen-Kaff in der texanischen Provinz, wurde vom Vater missbraucht und als Teenager vom Koch eines Schnellrestaurants geschwängert. Sie arbeitete als Stripperin in einem Nachtclub, lernte dort den greisen Ölmilliardär Howard Marshall kennen und heiratete ihn. Ihre flachen Brüste ließ sie auf Körbchengröße D hochoperieren, wurde Playmate und Supermodel für eine weltweite H&M-Dessous-Werbekampagne. Nach dem Tod ihres Gatten galt sie als Witwe Superreich. Es folgte der gurgelnde Absturz mit Erbstreitereien, Übergewicht, derangierten Auftritten vor laufenden Kameras, dem plötzlichen Drogentod ihres Sohnes und schließlich ihrem eigenen Ruin im Alter von nur 39 Jahren.

Wer genauer hinsieht, entdeckt, dass diese Anna Nicole viele Schwestern in der Welt der Oper hat. Ihr wohnt die Lebensgier von Bizets Carmen inne. Sie ist wie Alban Bergs Lulu eine Männerprojektion, die ihren Namen und ihre Identität immerzu wechselt. In ihrer über Leichen gehenden Ruhmsucht erinnert sie an Monteverdis Poppea. Und wenn es ans Sterben geht, ist Verdis Traviata nicht weit – von der Gesellschaft geächtet, wird ihr Lebensatem in existenzieller Einsamkeit immer flacher. Man ahnt es bis in die Details: Das gelebte Leben der Anna Nicole Smith taugt tatsächlich zu einem grell schillernden Opernstoff, denn auch das Nebenpersonal ist bizarr besetzt mit dem lächerlichen Lustgreis Howard und einem an der Liebe der Mutter erstickenden Kind, der ewig sensationsgeilen Medienmeute und Annas skrupellosem Anwalt Stern.

Der Komponist, der das erkannt hat, ist Mark-Anthony Turnage. Seit 20 Jahren gibt er in der britischen Neue-Musik-Szene den Bad Boy mit Arbeiterklasse-Appeal. Seine Klangfantasie entzündet sich mehr an Jazz, Unterhaltungsmusik und Led Zeppelin als am elaborierten Material- und Strukturdenken seiner mitteleuropäischen Kollegen. Und trotzdem kommt er von den tradierten Gattungen der ernsten Musik – sei es die Oper, symphonische Formen oder Kammermusik – nicht los. Auf der Insel ist Turnage der richtige Mann für ein krachendes Uraufführungsspektakel. Und so ist rund um seine neue Oper Anna Nicole ein Hype ausgebrochen, wie ihn das ehrwürdige Londoner Royal Opera House selten erlebt hat. Die Boulevardpresse delektiert sich an den Zoten und Four-Letter-Words des Librettos (verfasst vom musicalerfahrenen Richard Thomas), derweil der Komponist allenthalben propagiert, wie gut Trash und Oper zusammengehen. Ansonsten wird jede Gelegenheit genutzt, das blonde Busenwunder noch einmal ins Bild zu rücken.