Dieser Artikel erschien in der ZEIT Nr. 33 vom 16. August 1968.
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Er spricht, als rezitiere er ein Gedicht, seine Stimme ist ein flüsternder Singsang. Er liebt Rosen, immer stehen welche auf seinem Schreibtisch. Sie müssen rosa und frisch sein – mit einem Tautropfen auf jedem Blütenblatt. Er komponiert auch, und nachts spielt er Klavier oder hört Bach oder Brahms oder Chopin.

Er stammt aus einer sehr reichen Familie, ist das älteste von elf Kindern – "das dümmste von allen", wie er selber gern sagt. Drei Schwestern und zwei Brüder sind Ärzte, drei Brüder sind Apotheker und zwei andere Ingenieure.

Er ist 37 Jahre alt und General. Er liebt Frauen und trinkt gern. Er spricht von seinen Fehlern und rechtfertigt sich damit, daß er eben verwöhnt sei. Verwöhnt, aber doch nicht ohne Lebensfähigkeit. An der Wand seines Büros steht zu lesen: "Wachse gelassen inmitten des Lärms, und vergiß nicht, daß der Frieden in der Stille liegt. Unterwirf dich nicht, aber stelle dich gut mit allen. Sage die Wahrheit, ruhig und klar. Und höre anderen immer zu – auch den Langweiligen und Dummen."

Er spricht Französisch so gut wie Vietnamesisch. Von 1953 bis 1958 hat er in Frankreich studiert. Zuerst in einem katholischen Institut, dann auf einer katholischen Universität – und dies als Buddhist. Nach fünf Jahren hatte er drei Examen in der Tasche, eins in Pharmazie, eines in Naturwissenschaften und eins als Ingenieur. Mehr als einmal ist er in den Vereinigten Staaten gewesen. Auch Europa hat er bereist, liebt vor allem Florenz und Venedig. Er ist verheiratet und hat vier Kinder: acht, sechs, vier und zwei Jahre alt. Er hat ein Magengeschwür, das ihm viele Schmerzen bereitet. Häufig legt er seine feingliedrige Hand auf den Magen. Er ist eher zierlich und alles andere als hübsch: ein rundes, fleischloses Gesicht, schmale Augen, eine große Nase, ein fliehendes, kaum vorhandenes Kinn. Er trägt immer Generalsuniform, obwohl er mit Verachtung von den Militärs spricht: "Sie sind Tiere mit Disziplin. Sie brauchen nicht zu denken – nur zu gehorchen."

Der Name dieses Mannes: Nguyen Ngoc Loan, Polizeichef in Vietnam. Er ist der Mann, der während der letzten zwei Jahre 4000 Vietcongs ins Gefängnis gesteckt hat; der Mann, der die buddhistischen Organisationen zerschlug und der die Selbstverbrennungen der Buddhisten belächelte und ihnen den Gebrauch von Feuerlöschern empfahl; er ist der Mann, der einen Kurier der Vietcongs, der vom CIA eingeladen worden war, vor der amerikanischen Botschaft verhaftete. Er ist der Mann, der nicht nur die Amerikaner in Schrecken versetzte, als er am ersten Tag der Tet-Offensive einen Vietcong auf offener Straße niederschoß – und dabei photographiert wurde. Er tat das ohne Gerichtsverhandlung, gleich nachdem der Mann gefangengenommen worden war. Er verhängte und vollstreckte das Todesurteil, indem er seine elegante Pistole hob und einen einzigen Schuß abfeuerte.

Es ist wahrhaftig kein Zufall, daß Loan als der meistgefürchtete, meistgehaßte und meistverfluchte Mann in Saigon und vielleicht in ganz Vietnam gilt. Schon im letzten September hatte er seinen Rücktritt als Polizeichef angeboten, und es hieß damals, daß dies wegen der Geschichte mit dem Vietcong-Kurier geschah. Ky lehnte das Rücktrittsgesuch ab: "Wir brauchen Sie viel zu sehr, General Loan."

In seinem Büro habe ich Loan gegenübergesessen – ihm und seinen Rosen. Das war noch vor den großen Straßenkämpfen in Saigon und bevor er im Straßenkampf verwundet wurde. Natürlich erscheint ein Polizeichef üblicherweise nicht auf dem Kampffeld, aber Loan ist nie ein gewöhnlicher Polizeichef gewesen. Schon während der Tet-Offensive hatte er sich am Straßenkampf beteiligt, und an den Abenden fuhr er kreuz und quer durch Saigon und kontrollierte, daß das Ausgehverbot streng eingehalten wurde. Er scheute sich nicht, Zeitungsleute, die während der Curfew-Zeit in den Straßen angetroffen wurden, eigenhändig zu verhaften. Loan ist Soldat, und er ist ein Mann der Tat. Niemand bezweifelt, daß er tapfer ist. Ihn zu sprechen ist alles andere als einfach.

Journalisten, die aus New York angereist kamen, um ihn zu interviewen, wurden mit der Bemerkung "Schweigen ist Gold" abgewiesen. Ich brauchte einen Monat, um empfangen zu werden – und dann noch einmal drei Stunden Wartezeit im Vorzimmer. Als ich sein Zimmer betrete, erhebt er sich mit den sanften Bewegungen einer Katze und begrüßt mich. Seine Finger gleiten wie ein Samtband durch meine Hand. Er fragt, ob ich Bier möchte oder einen Whisky. "Ein Bier bitte", sage ich. Aber das hat er sofort wieder vergessen. Er bestellt einen Whisky für sich selbst.