Seine erste Begegnung mit Ägypten verdankte Mehmed Ali Napoleon Bonaparte. Der junge französische Revolutionsgeneral hatte 1798 mit einer Expeditionsarmee versucht, den Osmanen das Land der Pyramiden zu entreißen und die Engländer aus der Region zu verdrängen. Dies war nur in Maßen geglückt. Napoleon kehrte bald nach Frankreich zurück, neuem Ruhm entgegen. Zurück blieben derangierte französische Truppen unter dem Befehl des republikanischen Generals Jean-Baptiste Kléber. Diesem gelang es zwar, das Kriegsglück noch einmal zu zwingen, doch fiel er im Juni 1800 einem Attentat zum Opfer.

Wenig später wird der damals noch völlig unbekannte Mehmed Ali zum stellvertretenden Kommandeur einer kleinen, aus Albanern bestehenden Einheit in Kavala ernannt; zugleich bekommt sie den Marschbefehl nach Süden. Was immer sie zur Befreiung Ägyptens von der französischen Herrschaft beigetragen haben mag – und was die Engländer, die im März 1801 landeten und die Franzosen in der Schlacht von Alexandria besiegten–, Mehmed Ali bleibt am Nil und sucht dort sein Glück.

Nach der französischen Kapitulation setzt Istanbul den ursprünglich reformorientierten Hüsrev Pascha als neuen Statthalter in Kairo ein. Doch trotz brutaler Maßnahmen gelingt es ihm nicht, die Provinz unter Kontrolle zu bringen. Der junge Mehmed Ali zeigt sich dabei, um das Mindeste zu sagen, wenig kooperativ. Helmuth von Moltke, der spätere preußische Generalfeldmarschall, der eine Zeit lang als Militärberater im Osmanischen Reich diente, schreibt 1836 rückblickend: "Als Hüsrev Pascha nach Ägypten gesandt wurde, befand sich in seinem Gefolge ein Tüfenkçibaş oder Büchsenspanner, namens Mehmed Ali, der zu seinem großen Verdruß nachmals Vizekönig geworden ist. Hätte Hüsrev damals eine Ahnung davon gehabt, so würde er sich nicht sehr darüber geängstigt haben, ob es einen Arnauten [Albaner] mehr oder weniger in der Welt gebe."

Anders als Hüsrev Pascha durchschaut Mehmed Ali sehr rasch das komplexe ägyptische Machtspiel. 1805, nach weniger als fünf Jahren, sitzt er bereits als legitimer Verwalter der reichsten Großprovinz in der Zitadelle von Kairo. Pikant bleibt die Chronik dieser Karriere. Zunächst nämlich kommt es zu einer Revolte der tonangebenden mamlukischen Emire – mit den für Kairo obligaten Begleiterscheinungen: Schließung der Läden, Bewaffnung der Städter, Einstellung des Lehrbetriebs an der Al-Azhar-Schule. Daraufhin übernimmt Mehmed Ali gleichsam durch Akklamation der Kairoer Religionsgelehrten und der Kaufmannschaft die Macht, also schon Monate bevor er von Istanbul in aller Form bestätigt wird.

Mit der Einsetzung als Gouverneur ist sein Spiel aber noch nicht gänzlich gewonnen. Die Pforte unterstützt Mehmed Ali, der keine Verbündeten im Istanbuler Establishment hat, nur halbherzig und versucht, ihm andere Statthalterschaften schmackhaft zu machen. Er lehnt dankend ab und konsolidiert bis 1811 seine Position.

Brutal schaltet er die mamlukische Elite aus, die bis dahin Ägypten dominiert hat. Am 1. März 1811 inszeniert er ein regelrechtes Massaker. Unter dem Vorwand, eine Truppenschau abzuhalten, lädt er die Notabeln ein; einige Hundert festlich gekleidete Gäste versammeln sich in Kairos Zitadelle. "Die Emire", so berichtet ein Chronist, "betraten das Haus des Paschas, wünschten ihm guten Morgen und saßen eine Zeit mit ihm zusammen, um Kaffee zu trinken, während er freundlich mit ihnen scherzte." Als die Gäste aber hinausgingen, um sich die Parade anzusehen, wendeten die Soldaten plötzlich und begannen, auf die Emire zu schießen, "wobei sie keinen einzigen verschonten".

Die Nachricht von dem Massaker erreicht blitzartig die Basare Kairos, wo wieder die Läden geschlossen werden und Unruhen ausbrechen. Mehr als 400 Mamluken, die das Pech haben, in der Hauptstadt zu sein, fallen der Hatz zum Opfer.

Nach der endgültigen Ausschaltung der alten Führungselite kann Mehmed Ali an den Ausbau seiner Macht gehen. Jetzt wählt er den stilleren Weg. Das Erfolgsrezept besteht darin, "das richtige Gleichgewicht zu finden, dauerhafte Koalitionen zu bilden, feindliche Gruppen gegeneinander auszuspielen, die relative Stärke und die vitalen Interessen aller einzuschätzen und einen feinen Sinn für das Timing mitzubringen", schreibt der israelische Historiker Ehud Toledano in einem Beitrag zur Encyclopaedia of Islam und resümiert, in all diesen Punkten habe Mehmed Ali seine Rivalen übertroffen. Wichtige Posten besetzt er mit Familienangehörigen, mit Landsleuten aus Kavala, mit Albanern und Türken. Seine älteren Söhne Ibrahim und Tosun stehen bald an der Spitze der Armeen, die zunächst im Auftrag des Sultans (im Kampf gegen die aufständischen Griechen) und dann gegen diesen selbst (in Syrien und Anatolien) Krieg führen. Mehmed Alis Frau Emine ist erst 1809 mit den übrigen drei Kindern nach Kairo gekommen.

Zum Unterhalt der Armee, der modernisierten und ausgebauten Bürokratie und der wachsenden Zahl ausländischer Berater müssen die Ressourcen erweitert werden. Mehmed Ali ersetzt das herkömmliche Steuerpachtsystem durch eine zentralistische Abgabenpolitik. Zügig monopolisiert er den An- und Verkauf von Weizen, Reis und Zuckerrohr. Sein Rezept ist einfach: Der Staat kauft unterhalb des Marktpreises an und verkauft zu diesem. 1837 werden 95 Prozent des Binnenhandels staatlich kontrolliert. Auch die Infrastruktur liegt Mehmed Ali am Herzen: 1820 wird der Kanal zwischen dem Nil und Alexandria fertiggestellt. Erste Versuche einer Industrialisierung zeitigen allerdings keine durchschlagenden Erfolge.