Abgehoben, mittelmäßig, korrupt, halten ihre Versprechen nicht – jeder kennt sie, die Klischees und Vorurteile über "die Politiker". Was aber denken "die da oben" über die Bürger, die sie bezeichnenderweise gerne "die Menschen draußen im Lande" nennen? Die Antwort liefert Nikolaus Blome, der als Leiter der Parlamentsredaktion von Bild beide Seiten kennt: das politische Spitzenpersonal der Republik und Volkes Stimme, als deren machtvollstes Sprachrohr sein Blatt sich empfindet. Die Bürger sind politikverdrossen, stellt Blome fest, ja, er attestiert den Deutschen eine "europaweit unerreichte Politikverdrossenheit" – den Politikern allerdings gehe es umgekehrt nicht viel anders. "Frust ist überall", schreibt Blome. "Er beruht auf Gegenseitigkeit."

Laut sagen würde das natürlich niemand, schließlich müssen Politiker gewählt werden. Blome schöpft deshalb aus den berühmten Hintergrundgesprächen, in denen Politiker längst nicht mehr nur einen Teil dessen berichten, was Journalisten dann später ohne Herkunftsangabe schreiben dürfen oder sollen, sondern manchmal sogar das glatte Gegenteil, ein Problem, das gelegentlich dazu führt, dass Journalisten sich fragen müssen, welchem Gut sie sich mehr verpflichtet fühlen: der Vertraulichkeit oder der Wirklichkeit?

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Zu Beginn seines Buchs zitiert Blome den Kabarettisten Bruno Schmitz, der seinerseits einen fiktiven SPD-Politiker mal so richtig sein Herz ausschütten lässt: "Wir hätten auch lieber ein Volk, das nicht so brunzdumm ist. Was war das erfolgreichste deutsche Buch der letzten Jahre? Die Biografie von Dieter Bohlen. Was war die erfolgreichste deutsche Platte? Die letzte von Dieter Bohlen. Und wer war in der Pisa-Studie hinter Bangladesch? Ihr. Ihr seid einfach doof wie 100 Hektar Mischwald. Ich bin hochausgebildet. Ich hab studiert. Und nur weil ihr mich drei Minuten wählt, soll ich mich dafür von euch vier Jahre lang anpissen lassen?" Eine Szene, nicht weit weg von der Wirklichkeit, findet Blome.

Zu der Beziehungskrise kommt es, so seine Diagnose, weil beide sich falsche Bilder voneinander machen. Die Politiker fühlen sich ungerecht behandelt, die Bürger unehrlich regiert. Weil sie das Volk für uneinsichtig und eigennützig halten, so Blome, kündigen die Politiker zum Beispiel den seit 1957 bestehenden Generationenvertrag und verabschieden eine systemwidrige und ungerechte Rentengarantie, obwohl die Älteren sehr wohl bereit wären, für die Jüngeren einzustehen, ja dies in ihrem Leben tagtäglich tun. Die Bürger wiederum wollen oft gleichzeitig Dinge, die nicht zusammenpassen, wie etwa ein einfacheres und zugleich gerechteres Steuersystem, und belohnen den Politiker, der offensichtlich uneinlösbare Versprechungen macht. So hat sich im Lauf der Jahre zwischen Bürgern und Politikern ein unausgesprochener fataler Deal eingebürgert: Wir versprechen euch das Blaue vom Himmel herunter, ihr wählt uns dafür, obwohl ihr es besser wisst, und dürft uns dafür nach der Wahl beschimpfen. Wobei "die Politiker" immer die Bösen sind, "der Politiker", der eigene, aus dem Wahlkreis, aber immer ein feiner Kerl ist, ein Mechanismus, der übrigens bei Ausländern ähnlich funktioniert. Der Spiegel- Reporter Jürgen Leinemann hat das Phänomen in seinem Buch Höhenrausch vor Jahren bereits als Co-Abhängigkeit beschrieben.

Bewusst verzichtet der Bild- Autor am Ende auf zehn Forderungen, wie alles besser wird. Blome wünscht sich stattdessen von den Politikern mehr Mut und Selbstvertrauen und von den Bürgern mehr Selbstkritik, schließlich gebe es in einem Land, in dem jeder so vielfältige Möglichkeiten der Information habe, auch so etwas wie eine Holschuld der mündigen Bürger. Ein unterhaltsames, auch kluges Buch, das beiden Seiten den Spiegel vorhält. Ein Buch, mit dem der Autor wohl auch zeigen will, dass er klüger ist, als sein Blatt sich gelegentlich stellt, und sich zugleich damit selbst ein bisschen dümmer stellt, als er eigentlich ist. Denn das, was fast immer zwangsläufig zwischen Bürgern und Politikern steht, wenn deren gegenseitige Bilder und auch Zerrbilder entstehen, kommt gar nicht vor: die Medien. Über die Bild- Zeitung ließen sich da mehr als ein paar Absätze verlieren, kein Wunder, dass der Autor lieber nach dem Motto verfährt: Wovon man nicht offen reden kann, davon soll man besser ganz schweigen.