Wer Shermin Langhoff in Berlin begegnet, sieht sie immer mit einem Stapel Papiere unter dem Arm. Die hintere Hosentasche ist auch dann ausgebeult, wenn die Schachtel Zigaretten nicht drin steckt. Mal knickst sie vor einem türkischen Mütterlein in feinster Tscherkessin-aus-gutem-Haus-Manier, mal drückt sie als Gastgeberin einem Staatsminister den Spielplan des Hauses in die Hand, das sie aufgebaut hat. Ballhaus Naunynstraße heißt es und liegt in Berlin-Kreuzberg.

"Die Naunynstrasse füllt sich mit Thymianduft, mit Sehnsucht und Hoffnung, aber auch mit Hass", schrieb Aras Ören in Was will Niyazi in der Naunynstraße, dem ersten deutschen Stück eines türkischen Einwanderers, geschrieben 1973. Gleich in ihrer ersten Spielzeit 2008 hat Shermin Langhoff ein Transparent mit diesem Zitat quer über die Straße vor ihrem Theater gespannt. Seitdem sind drei Winter vergangen. Drei Jahre, in denen Künstler der zweiten und dritten Einwanderergeneration im Ballhaus vor allem Theater spielten, aber auch Tanz, Film, Literatur und Musik zeigten. So ein Haus gibt es nirgends sonst in Deutschland, und so hat Shermin Langhoff die 75.000 Euro des Kairos-Preises, mit dem sie nun ausgezeichnet wird, mehr als verdient.

Oft sitzt die Intendantin im Kuchen Kaiser in Kreuzberg, wo seit 150 Jahren Tortenetageren und weiße Servierblusen überleben. Sie reiht eine Anekdote an die nächste und würzt sie mit ihrem Gelächter. "Eigentlich gehören Lebensstorys zugeprostet und hemmungslos beweint." Sie nimmt einen Schluck Espresso und beginnt. Neuanfänge – darin ist Shermin Langhoff Expertin, seit sie vierzig Tage alt ist. Ihre Mutter muss arbeiten. Die neugeborene Tochter wird von Bursa nach Edremit ans Ägäische Meer zu den Großeltern gebracht. Sie wächst in einer Straße auf, wo jeder Türke aus einer anderen Ecke des Landes kommt. Ihre Großmama ist eine mübadil, eine Umgesiedelte aus Griechenland. Ihr Großvater ist ein tscherkessischer Sandmann. Täglich fährt er auf die Sandbank und karrt das Material zu den Baustellen. Es gilt Großvaters Lebensregel: "Ein Pickel kann dir die Schönheit versauen, ein Feuer deinen Reichtum. Sieh zu, dass du in Herz und Kopf investierst!"

Edremits Unbeschwertheit unter der ägäischen Sonne sieht die Neunjährige zum letzten Mal 1978 durchs Heckfenster von Onkel Hassos VW-Bus. Shermins Mutter hat sich als Gastarbeiterin von AEG in Nürnberg anwerben lassen. Hasso ist der deutsche Mann der Tante. Er holt die beiden ab. Shermin schließt die Augen. Der Großvater konnte vor Trauer und Kummer seine Enkelin nicht verabschieden und versteckte sich auf dem Dachboden. Wenig später stirbt der gebrochene Mann. Als Shermin die Augen wieder öffnet, hat sie ganz Europa verschlafen. Sie versucht die Schilder zu entziffern, "deeh utzsche Bank". "Süppermarkt".

Zwar will ihr die ganze fränkische Küche im vierwöchigen Sommerhort partout nicht durch die Speiseröhre – doch dafür lernt sie Deutsch. Alle Wörter auf einmal. Das rollende R, das Langhoff heute noch manchmal rausrutscht, ist fränkisch. Das hat sie mitgelernt.

Für diesen Neuanfang wird sie mit einem Schlüssel um den Hals belohnt. Wieder lebt sie in einer Straße, wo die Menschen von überall her sind. Mit dem zweiten Mann ihrer Mutter gibt es Schwierigkeiten. Shermin setzt sich in den Kopf, dass sie bei ihrem leiblichen, türkischen Vater glücklich werden könne. Sie hatte ihn im Jahr zuvor in den Sommerferien kennengelernt. Er versprach ihr das Blaue, Grüne, Gelbe vom Himmel; alle Farben des Regenbogens sollten ihr gehören. Sie quälte ihre Mutter, ließ nicht locker, bis diese sie fortließ. Mit 13 Jahren, da war sie schon Gymnasiastin. Nach dem ersten gemeinsamen Wochenende steckte der Vater sie ins Internat. "Nächstes Wochenende hole ich dich ab." Sie sah ihn nie wieder. Wieder ein Abschied ohne Abschied. Ein Jahr später holt ihre Mutter sie zurück.