Schwere Schritte hallen durch den Abflugterminal des Flughafens von Tunis. Im fahlen Licht der Neonröhren hasten zwei Angestellte der innertunesischen Fluglinie vorüber. Eine Frau Mitte 60 mit sonnengebleichten Haaren blickt den beiden durch die Gläser ihrer golden gerahmten Brille hinterher. "Am 17. Januar haben sie mich heimgeflogen", ruft Françoise Fogel, "gegen meinen Willen!" Sie macht eine zornige Geste, die Ringe an ihren Fingern klimpern aneinander. Die Rentnerin aus Bordeaux hatte vor, den ganzen Winter auf Djerba zu verbringen. Das will sie noch immer, trotz allem. Sie hat sich erneut aufgemacht und wartet nun auf den Anschlussflug. Die Plätze ringsum sind fast nur von Einheimischen besetzt.

Als die Maschine landet, hängt die Nacht noch wie ein schwarzes Tuch über der Insel Die Gruppe der Passagiere strömt durch die Ankunftshalle und zerstreut sich in der Dunkelheit. Ein kühler Wind trägt den Duft von Salzwasser heran. "Sie werden schon sehen", sagt Françoise Fogel noch im Gehen, "es gibt auf Djerba nicht den geringsten Anlass zur Sorge."

Es ist Montagmorgen, die Arbeitswoche läuft. Das Taxi fährt an der zone touristique im Norden von Djerba entlang. Die Sonne fällt so hell auf die Küstenstraße, dass es schmerzt, auf die blütenweiß getünchten Fassaden der Häuser zu schauen. Zum Meer hin breiten sich die Hotelanlagen aus, kleine Pensionen und raumgreifende Gebäuderiegel für den Massentourismus; hier und dort ragen Fantasiepaläste mit Türmen und Kuppeln auf. Das sind die Fünf-Sterne-Domizile.

Saadi Mohammed, der Taxifahrer, zeigt nach links und nach rechts: "Dar Djerba – geschlossen. Royal Palace Garden – geschlossen. Djerba Plaza – geschlossen." So geht es immer weiter, über Kilometer hinweg. Der schmale junge Mann greift etwas fester um sein Lenkrad; wo seine Finger liegen, bilden sich feuchte Flecken. Er hatte heute erst zwei Fahrgäste, und es ist schon fast Mittag. "Das ist wegen der Demokratie", sagt er, "das ist der Preis für die Freiheit." Er sagt das ganz nüchtern, er beschwert sich nicht. Als sich im Januar die Massenproteste gegen das Regime von Präsident Ben Ali über das gesamte Land ausbreiteten, ist auch er auf die Straße gegangen.

Nicht dass auf Djerba viel los gewesen wäre. "Es gab ein paar kleine, friedliche Demonstrationen. Sogar ein paar französische Touristen haben mitgemacht", erzählt er mit gerührtem Lächeln. "Sie trugen Plakate, auf denen stand: ›Solidarität mit dem tunesischen Volk‹." Dann, nach der Flucht von Ben Ali, hat der Taxifahrer mit anderen jungen Männern nächtelang auf den Straßen der zone touristique Wache gehalten. Sie wollten sicherstellen, dass die Revolution auf ihrer Insel nicht in Sachbeschädigung ausartet: "Wir haben aufgepasst, dass niemand etwas kaputt macht."

Neben der Fahrbahn rupfen Kamele hartes olivgrünes Gras aus dem Boden. Hinter einer Biegung öffnet sich der Horizont, der Blick verliert sich über dem tiefblauen Meer. Im flachen Wasser der Lagune staksen Hunderte Flamingos vorüber. Es ist, aus dem fahrenden Auto betrachtet, ein stilles, malerisches Panorama – die Häuser in Nuancen von Pulverschnee bis Sahnecreme, mit himmelblau lackierten Türen, dazwischen Dattelpalmen, Ziegen, Granatapfelbäume. Doch wer genauer hinschaut, erkennt überall Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt: die heruntergelassenen Rollladen der Souvenirläden, die leeren Terrassen der Restaurants. Die vor Langeweile wie betäubt wirkenden Sicherheitsleute, die den ganzen Tag lang vor den geschlossenen Metallgattern an den Hotelauffahrten auf und ab schlendern.