Wenn Carlos Medina durch die Gänge seines Forschungsinstituts spaziert, kommt es ihm so vor, als habe sich nichts verändert in seiner Stadt. Als sei Monterrey immer noch die aufstrebende Metropole im Nordosten Mexikos, mit Universitäten, die im Monatsrhythmus neue Gebäude und Labore einweihen, und Wissenschaftlern, die aus allen Teilen der Welt hierherkommen. Wenn sich der 51 Jahre alte Immunologe aber in sein Auto setzt und auf der Stadtautobahn von zahllosen Polizei-Pick-ups überholt wird, auf deren Ladeflächen vermummte Gestalten mit Maschinenpistolen sitzen, weiß er wieder: Das ist die neue Wirklichkeit von Monterrey. Drogenkrieg . Erst gestern haben sie einen Polizeichef in seinem Auto erschossen, und in der Altstadt bleiben abends die Gassen leer, weil die Leute Angst vor Raubüberfällen haben. Seit eineinhalb Jahren geht das so.

Kann man da noch guten Gewissens Ausländer in die Stadt einladen? "Man kann", sagt Medina, einst Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), St.-Pauli-Fan und bis vor Kurzem Direktor für internationale Beziehungen an der Universidad Autónoma de Nuevo León. Er sagt es auf Deutsch, er hat seinen Doktor am Hamburger Tropeninstitut gemacht. Dann fügt er, fast flehentlich, hinzu: "Wir passen gut auf unsere internationalen Studenten auf." Rund 150 von ihnen kommen normalerweise pro Jahr an die UANL. Diesen Herbst werden es deutlich weniger sein.

Da gilt das Land, was viele überraschen mag, unter internationalen Forschern endlich als Geheimtipp, hat Milliarden in seine Hochschulen und Forschungszentren investiert und sich zu einer der führenden Wissenschaftsnationen Lateinamerikas aufgeschwungen. Doch anstatt dafür Anerkennung zu ernten, schreien die Schlagzeilen rund um den Globus abwechselnd "Gewalt!" oder "Schweinegrippe!". Und eine Reisewarnung des Außenministeriums empfiehlt den US-Bürgern, gleich ganz Mexiko zu meiden, woraufhin viele amerikanische Unis ihre Austauschprogramme komplett eingestellt haben.

Manche schreckt der Straßenverkehr mehr als die Bandenkriege

Wer dann mit den verbliebenen ausländischen Studenten ins Gespräch kommt, erlebt eine Überraschung: Sie sind begeistert von dem Land , das sie aufgenommen hat, sie wollen nirgendwo anders sein. Der Drogenkrieg schreckt sie weniger als der Straßenverkehr. "Das machen die Mafiabanden unter sich aus", sagt Mira Pohlke, 22, die an der Bochumer Ruhr-Universität Spanisch und Germanistik studiert. Mira trifft man im Tres Lunas, einer Kneipe ausgerechnet in Monterreys Altstadt, mit Sitzecken zum Herumlümmeln und Kritzeleien an den Wänden. Mira gegenüber hocken Lisa Rosenbusch, 21, ebenfalls aus Bochum, und Dorte Jansen, 26, die seit ihrem Abschluss in Marburg an der UANL Deutsch unterrichtet. Dorte widerspricht: "Das war früher so. Heute nehmen die Banden weniger Rücksicht auf Zivilisten, wenn die im Weg stehen." Wobei auch Dortes gefährlichstes Erlebnis bislang mit mexikanischen Autofahrern zu tun hatte. Es hat sie auf dem Fahrrad erwischt, der Unfall ging noch glimpflich aus. Die Mexikaner seien keine Radfahrer gewöhnt. Dorte fährt jetzt Rollerblades.

Lisa und Mira hoffen, dass sie ihre Kurse an der UANL anerkannt bekommen. Aber selbst wenn nicht, sagt Lisa, die Zeit hier sei es definitiv wert: Wer nach Spanien gehe, der bleibe im Grunde zu Hause. "Ich wollte hinaus in die Welt. Mexiko ist wirklich anders. So offen und spontan. Eine Mischung aus europäischer und indianischer Kultur." Natürlich gehen sie auch hier feiern, sie verlassen sich dabei auf das Gespür ihrer mexikanischen Freunde. "Wenn die sagen, ein Club ist nicht sicher, gehen wir nicht hin." Ansonsten trifft man sich jetzt öfter mal zu Hause. Bei Facebook lesen sie manchmal Berichte von Mitstudenten, die Schüsse gehört haben.

Dass bislang nicht so viele Ausländer die Universitäten des Landes bevölkern, hat eine Menge Vorteile: Die typischen Erasmus-Enklaven europäischer Hochschulen gibt es hier nicht. Man muss sich auf die Einheimischen einlassen. Umso mehr, weil es an mexikanischen Universitäten kaum Wohnheime gibt und die Ausländer meist in Gastfamilien untergebracht werden. Was übrigens typisch ist für das Land: Auch die meisten mexikanischen Studenten wohnen noch zu Hause.

Rund 400 Deutsche fördert der DAAD derzeit in Mexiko. Eine im Vergleich etwa zu Brasilien geringe Zahl, doch sie steigt, wenn auch langsam – trotz aller schlechten Schlagzeilen. Der Zuwachs verteilt sich allerdings ausschließlich auf die anderen Regionen des Landes. "Das, was da im Norden derzeit passiert, ist traurig", sagt denn auch Martha Navarro Albo. "Aber es trifft uns nicht." Navarro Albo hat die neu geschaffene Stelle der Vizepräsidentin Internationales an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) inne, in Mexico City, 800 Kilometer südlich von Monterrey. Vom Rektoratsturm aus geht ihr Blick auf die Ciudad Universitaria zehn Stockwerke unter ihr. 2007 hat die Unesco den in den fünfziger Jahren errichteten Campus als "Ikone der Moderne Lateinamerikas" zum Weltkulturerbe erklärt, inklusive des grandiosen Olympiastadions und der Uni-Bibliothek, deren Mosaikfassade die Geschichte Mexikos erzählt. Auch sonst ist die UNAM eine Uni der Superlative mit 35.000 Wissenschaftlern, die geschätzte 40 Prozent der nationalen Forschungsleistung erbringen, und sage und schreibe 305.000 Studenten. Wobei man davon 100.000 abziehen muss, die in Wirklichkeit Gymnasiasten sind: Die wichtigsten Unis übernehmen in Mexiko nämlich einen Teil der Schulausbildung – eine sehr effektive Strategie, um den eigenen Nachwuchs heranzuziehen.