Der Generalmajor sitzt hinter seinem Schreibtisch und sieht auf die rußschwarze Wand des Büros. Er mustert die Krater an der Zimmerdecke, aus denen das Feuer den Putz gebrochen hat. Mustafa Suleiman Khalil, ein kräftiger Mann, früh ergraut, Kommandeur der größten Luftwaffenbasis im östlichen Libyen, hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er will im gewohnten Offizierston von dem erzählen, was auf seiner Basis während der vergangenen Tage passierte, er setzt mehrfach an, stützt den Kopf auf die Fäuste, reißt die Augen auf, um sie rasch mit den Händen zu bedecken. Khalil legt den Kopf auf die Schreibtischplatte und wendet sich ab. Der General weint.

Es ist der zehnte Tag nach Beginn der Proteste in der libyschen Hafenstadt Bengasi, der sechste, seit die letzten regimetreuen Truppen abgezogen sind. Hinter dem Büro des Kommandeurs stehen aufgereiht russische Kampfhubschrauber und französische Kampfflugzeuge, lagern Kurzstreckenraketen in den Hangars, erstrecken sich zwei Startbahnen kilometerlang bis zum Horizont. Feiner Regen fegt über den Asphalt. Er streicht gegen das Bürofenster, aus dem der General jetzt schaut. Er sagt: "Es sind so viele gestorben. So viele unserer Kinder."

Die Welt des Mustafa Khalil hat sich innerhalb weniger Stunden in ihr Gegenteil verkehrt. Feind ist jetzt Freund, und Freund ist Feind. 28 Jahre lang hatte er Muammar al-Gadhafi gedient, bis zum Nachmittag des 15. Februar, als in Bengasi die Jugend mit Steinen gegen Maschinengewehre anrannte, der Despot Gadhafi zur Verstärkung eine 2000 Mann starke Söldnertruppe schickte, die ihn, Generalmajor Khalil, in seine Kaserne einsperrte. "Die Söldner," sagt der Offizier, "übernahmen die Torwache, schlossen unsere Waffen weg, nahmen unsere Handys und richteten die Gewehre gegen uns." Denn sie trauten den Vätern nicht, deren Söhne sie töteten.

Jede Nacht werden Kämpfer in kleinen Gruppen Richtung Tripolis geschleust

An seinem Schreibtisch drängen sich Freiwillige aller Berufe, Tagelöhner treten unangemeldet in sein Büro, Lehrer und Zimmerleute. Niemand steht vor niemandem stramm. Die Offiziere bewegen sich unsicher durch die Revolutionäre, sie befehlen nicht mehr, sie bieten Rat an. "Wir fragen die Jungs, was sie brauchen", sagt Khalil.

Der Palast am Rand seiner Basis, in dem Gadhafi mit Silvio Berlusconi speiste, mit den Präsidenten des Tschad, Senegals und Simbabwes, ist geplündert. Die goldenen Prunkmöbel sind zerbrochen und zu Haufen aufgetürmt. Wie betäubt laufen die Offiziere über die Teppiche in der Halle, auf denen Splitter von Kronleuchtern liegen. Khalil steht vor einem hohen Prachtbett, das barockes Schnitzwerk aus Blumen ziert. Die goldenen Spiegel im Bad sind zerborsten, eine Ausgabe des Grünen Buches, Gadhafis Herrschafts-Bibel, liegt zerrissen im Wohnzimmer. Überall verstreut kleine Zettel, mit den letzten handschriftlich notierten Geheimdienst-Nachrichten an den Cousin Gadhafis, der hier bis zu seiner Flucht den Kampf gegen die Aufständischen organisierte. "In der Stadt Sentan werden hundert Demonstranten gesichtet", lesen die Offiziere.

Dieser Aufstand ist noch längst nicht gewonnen, das wissen sie. Der Diktator hat sich in seine Festung in die Hauptstadt Tripolis zurückgezogen, nur eine Flugstunde von der Luftwaffen-Basis in Bengasi entfernt. Khalil will mit der bunten Truppe aus Soldaten und Studenten seine Rückkehr in die zweitgrößte Stadt Libyens verhindern. Sie haben die Passagiertreppen des zivilen Flughafenterminals auf die Rollbahnen geschoben, die Gepäckwagen und weißen Flughafenbusse. Sie sind kreuz und quer auf dem Asphalt verteilt, als hätte sie ein Hurrikan über das Gelände geschleudert. An Flakgeschützen am Rand der Rollbahn zittern Studenten in der Kälte. Sie haben von den Offizieren einen kurzen Einführungskurs bekommen.

"Die libysche Armee betrachtet Tripolis als eine von Feinden besetzte Stadt", erklärt Khalil die neue militärische Lage. "Gadhafi ist wie ein Besatzer zu behandeln. Er ist ein Verbrecher." Er sagt es, als könne er selbst nicht glauben, wie geschmeidig ihm diese Worte über die Lippen kommen.