Als der Gesandte Libyens im Plenarsaal der Vereinten Nationen ans Rednerpult tritt und seinen Führer Gadhafi mit Adolf Hitler vergleicht, ist der Moment gekommen, der die Delegierten handeln lässt. Es ist der Freitag vergangener Woche, die Sondersitzung des Weltsicherheitsrates in New York hat begonnen, und der libysche Gesandte bittet die Versammlung, sein Land zu retten. Wie Hitler den Deutschen, sagt der Redner, so habe Gadhafi den Libyern verkündet: "Entweder ich beherrsche euch, oder ich töte euch !" Der Sicherheitsrat müsse unbedingt eine "schnelle und mutige" Antwort finden. Dann tritt er vom Rednerpult zurück und fällt seinem Stellvertreter weinend in die Arme.

Der Appell des libyschen UN-Gesandten beeindruckt auch die Vertreter aus Russland und China. Seit je berufen sich diese zwei Vetomächte auf das Prinzip, sich nicht einzumischen, vor allem, wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht. Es waren bisher die Briten, Franzosen und Deutschen, die es eilig haben und eine Verurteilung Libyens verlangen. Nach der Rede des Libyers einigen sich aber alle 15 Sicherheitsratsmitglieder auf ein Waffenembargo und ein Reiseverbot für 16 libysche Regierungsmitglieder sowie darauf, weltweit das Vermögen der Gadhafi-Familie einzufrieren. Sieben Söhne, eine Tochter und Gadhafi selber sind davon betroffen.

Ginge es nach dem Willen der amerikanischen Regierung, hätte man in der Resolution auch Artikel 42 der UN-Charta zitiert, sodass militärische Maßnahmen möglich wären. Doch diese Option geht vielen zu weit. Die Russen bestehen auf nicht militärischen Sanktionen. Artikel 42 ist damit vom Tisch.

Der deutsche Botschafter Peter Wittig drängte schon in den Tagen zuvor darauf, Gadhafi und seine Getreuen für die Menschenrechtsverbrechen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen . Die Chinesen und Russen zögern, aber auch afrikanische Staaten wie Nigeria und Gabun wollen zunächst keine sofortige Überweisung an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, sondern ein mehrstufiges Verfahren, das mit einer scharfen Warnung an Libyen beginnt.

Anders als in früheren Jahren stimmen die Vereinigten Staaten einer Überweisung an den Internationalen Strafgerichtshof zu. Bisher sperrte sich die amerikanische Regierung dagegen, aus Angst, dass sich in Den Haag demnächst vielleicht auch Amerikaner verantworten müssten. Chinas Botschafter bittet um eine Unterbrechung der Sitzung, ruft in Peking an. Danach stimmt er der Resolution zu, wie auch der russische Vertreter und Afrikas Diplomaten.

Der deutsche Botschafter spricht am Ende von einem "historischen Tag".

Aber was bedeutet das für Gadhafi?

Was am vergangenen Wochenende im UN-Sicherheitsrat entschieden wurde, ist ein Präzedenzfall. Einstimmig wurde beschlossen, den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag mit Ermittlungen über Verbrechen des libyschen Regimes zu beauftragen. Es geht um die Brutalität von Gadhafis Schergen im Kampf gegen den Aufstand, um Angriffe auf die libysche Zivilbevölkerung, um Scharfschützen, Kampfbomber und Maschinengewehre.