Felix Gaerte, Jahrgang 1918, ist in mehrfacher Hinsicht eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Seine Erinnerungen erschienen unter dem aufsehenerregenden Titel Auch im Westen pfeift der Wind. Vom Fallschirmjäger zum Diplomaten im heißen und im kalten Krieg 2001 im Grazer Leopold Stocker Verlag – eine Rarität, die ihresgleichen sucht unter den Memoiren deutscher Diplomaten. Folgt man dem Klappentext, so ist der Autor "besonders geeignet" gewesen, "am Aufbau des deutschen Auswärtigen Dienstes mitzuwirken und als Diplomat der ersten Stunde Akteure der Weltpolitik im diplomatischen Schachspiel persönlich kennenzulernen. Als Generalkonsul [...] in vier Erdteilen bekam er Einblick in brisante Politikmanöver und war für Generationen von führenden Politikern hoch geschätzter Diskussionspartner und Ratgeber."

Die Frage, weshalb gerade der ehemalige Fallschirmjägerleutnant und spätere SS-Untersturmführer Gaerte "besonders geeignet" gewesen sei für den Aufbau des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik, ist zurzeit Gegenstand juristischer Nachprüfung – rund 60 Jahre nach Gründung des Auswärtigen Amtes in Bonn an den Iden des März 1951.

Seit Januar 2011 bemüht sich Gaerte mithilfe seines Anwalts in Bonn, eine einstweilige Verfügung zu erwirken gegen die Verlagsgruppe Random House, in deren Karl Blessing Verlag der Bericht der internationalen Historikerkommission zur NS-Geschichte des Auswärtigen Amtes unter dem Titel Das Amt und die Vergangenheit erschienen ist. Die geforderte Unterlassungsverpflichtung wendet sich insbesondere gegen die Darstellung, der zufolge Gaerte als SS-Führer "unter Angabe falscher Personalien im AA wiederbeschäftigt worden" sei.

Außerdem wurde die Verlagsgruppe aufgefordert, sich "rechtsverbindlich zu verpflichten, in die noch nicht ausgelieferten Exemplare des Buches einen Einleger einzulegen, mit dem die falschen Behauptungen korrigiert werden und der Verlag sich für diese Falschdarstellung entschuldigt", sowie die Einleger an "sämtliche Buchhandlungen" mit der Bitte zu versenden, diese Information in die noch nicht verkauften Bücher einzulegen. Außerdem soll die Verlagsgruppe "eine abgestimmte korrigierende Pressemitteilung" veröffentlichen, die auf ihren Homepages erscheinen und allen Nachrichtenagenturen übersandt werden soll.

Wegen der angeblichen "schuldhaften massiven Verletzung der Persönlichkeitsrechte" Gaertes, der es in seinem hohen Alter habe hinnehmen müssen, in einem als Bestseller verkauften und angesehenen Buch als "SS-Untersturmführer" dargestellt zu werden, stehe ihm eine Entschädigung zu. Erschwerend komme hinzu, dass ihm fälschlich vorgeworfen worden sei, er habe gegenüber dem Amt falsche Personalien angegeben. Auf diese Weise sei das "Lebenswerk eines erfolgreichen Beamten [...] gezielt zerstört" worden. Gaertes Anwalt hält einen "Entschädigungsbetrag in Höhe von 15000 € für eine angemessene und zurückhaltende Forderung".

Der Fall trägt exemplarische Züge. Das Verfahren wirft noch einmal ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Nachkriegsgeschichte des Auswärtigen Amtes und der Bundesrepublik insgesamt.