Jean-ClaudeTrichet schiebt den Oberkörper nach vorn. Er ist heiser, flüstert mehr, als dass er redet, aber das mit der ihm eigenen Intensität. Seine Botschaft: Der Euro ist stabil, stabiler sogar als früher die D-Mark. Seit es ihn gibt, haben wir weniger Inflation.

Das war vor drei Wochen. Seither ist Trichets Leben schwerer geworden.

Die Unruhen in Libyen haben den Ölpreis auf neue Höchststände getrieben. Ein Liter Benzin kostet in Deutschland fast 1,60 Euro, in Spanien verschärft die Regierung das Tempolimit, um Sprit zu sparen. Die Preise anderer Rohstoffe – von Aluminium bis zu Spezialmetallen für die Elektroindustrie – erreichen Höchstwerte, weil die Konjunktur in weiten Teilen der Welt unerwartet gut läuft. Auch die Lebensmittelpreise schießen nach oben . Weizen kostet heute doppelt so viel wie vor sieben Monaten. Und der Goldpreis steigt weiter und weiter, weil Sparer aus Angst vor einer Inflationswelle bei dem Edelmetall Zuflucht suchen.

Schon zur Jahreswende lag die Inflationsrate im Euro-Raum bei 2,4 Prozent – mithin deutlich über jenen zwei Prozent, die Trichet und seine Leute grundsätzlich für akzeptabel halten. Und es kommt wohl noch schlimmer. Für den Rest des Jahres wird die Rate wohl nicht mehr unter die magischen zwei Prozent sinken.

Die Angst vor der Inflation ist zurück – und für die krisengeschüttelte Weltwirtschaft bedeutet das einen Gefahrenherd mehr. Hat die Teuerung erst einmal richtig Fahrt aufgenommen, lässt sie sich nur schwer wieder eindämmen. Dann drohen verheerende Wirkungen: Inflation zerstört Wohlstand, vernichtet Arbeitsplätze, hemmt die wirtschaftliche Entwicklung.

In Europa sind die Raten der Geldentwertung noch relativ niedrig, in den Schwellenländern schwindet der Geldwert indes wie Schnee in der Sonne. Für Indien rechnet die Deutsche Bank in diesem Jahr schon mit acht Prozent, Lateinamerika sagen sie gar neun Prozent Inflation voraus. In China sollen es fünf Prozent werden. Mindestens.

Der chinesische Alltag übertrifft diesen Wert bei Weitem. Viele Alltagspreise haben sich zuletzt sogar verdoppelt, und die Verbraucher klagen. Frau Wang zum Beispiel, eine 35-jährige Wanderarbeiterin in Peking. Ihr rundes, freundliches Bauerngesicht verdunkelt sich schlagartig, wenn sie vom Geldwert erzählt. Sie bedient in einer Apotheke, putzt bei fünf Familien, massiert abends müden Touristen die Füße in einem Hotel. Monatlich verdient sie damit 6000 Yuan oder umgerechnet 665 Euro. Das ist zwar mehr als je zuvor, aber sie kann sich viel weniger leisten. Allein die Miete und das Schulgeld steigen schneller als ihr Lohn. "Ausgehen? Vergnügen? Daran ist gar nicht zu denken", sagt sie. "Vor 2008 habe ich der Familie für fünf Yuan ein Essen zubereiten können. Inzwischen kostet es mindestens 15. Und ich rede nicht von den teuren Sachen, die sich die gebürtigen Pekinger leisten. Wir Wanderarbeiter essen viel billiger." Gerade Gemüse, das Einfache also, ist doppelt so teuer wie vor einem Jahr, Knoblauch und Ingwer kosten mitunter sogar das Fünffache.