"Das ist ein weiterer Baustein, um die Christlichen Gewerkschaften kaputt zu machen", schimpft Jörg Hebsacker. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender einer Vereinigung, die bis vor Kurzem kaum jemand kannte. Der Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen, abgekürzt CGZP. In der Öffentlichkeit tauchte sie in den vergangenen Jahren kaum auf. Dabei prägte sie mit ihren Tarifverträgen die Arbeitsbedingungen von Hunderttausenden Menschen. Jetzt haben Deutschlands höchste Arbeitsrichter entschieden: Ihre Tarifverträge sind ungültig . Und auf einmal steht eine ganze Branche kopf. Die Christen-Gewerkschaften, die in diesem Wirtschaftszweig bisher ein wichtiger Tarifpartner waren, sind unter Druck. "Wir müssen sehen, wie wir mit der CGZP weitermachen", sagt Hebsacker, ihr womöglich letzter Chef. Der Bundesvorsitzende legte sein Amt bereits vor zwei Monaten nieder.

Monatelang stritt die Bundesregierung mit der Opposition darum, ob in der Leiharbeit künftig gleicher Lohn für gleiche Arbeit zur Pflicht werden soll. Ohne Ergebnis. Jetzt könnten Hunderttausende Zeitarbeitnehmer genau das doch noch erreichen – equal pay , und zwar rückwirkend gleich für mehrere Jahre. Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts macht es möglich. Das zeigt die schriftliche Begründung des Richterspruchs, die Anfang dieser Woche veröffentlicht wurde. Aus ihr lassen sich Lohnnachforderungen in Milliardenhöhe ableiten, vielen kleineren Leiharbeitsfirmen droht womöglich das Aus, der ganze Wirtschaftszweig steht vor einem Umbruch. Der Boom der Zeitarbeit könnte bald vorbei sein.

Vordergründig entschied das Bundesarbeitsgericht nur über Formalien. Die CGZP kann laut dem Urteil keine rechtsgültigen Tarifverträge schließen. Die Begründung ist hoch kompliziert und hat unter anderem damit zu tun, dass die Gewerkschaften, die in dieser Tarifgemeinschaft zusammenarbeiten, ihr bestimmte Zuständigkeiten nicht voll übertragen haben. Doch solche organisationstechnischen Feinheiten werden nun zum Sprengstoff. Denn für Leiharbeiter gilt eine besondere Regel: Existiert für sie kein Tarifvertrag, haben sie einen gesetzlichen Anspruch, genauso bezahlt zu werden wie die Kollegen in dem Betrieb, in dem sie gerade arbeiten. Equal pay ist im Gesetz schon verankert. Bisher spielte das nur kaum eine Rolle. Jetzt wird es anders.

Unmittelbar betrifft das zunächst nur die Verleiher, die CGZP-Tarife angewandt haben. Immerhin etwa die Hälfte von mehr als 9000 Zeitarbeitsfirmen, folgt man dem Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP). Mittelbar könnte das Urteil aber die gesamte Branche umkrempeln. Klar ist, dass sich Leiharbeiter auf das Urteil berufen und Lohnnachzahlungen fordern können. Möglich ist das überall dort, wo der CGZP-Tarif niedriger war als die Entlohnung im Entleihbetrieb. Das dürfte in der Branche, die mehr als 800.000 Menschen beschäftigt, die Regel gewesen sein.

Experten gehen daher von Forderungen in Milliardenhöhe aus. Schließlich gilt das Urteil rückwirkend für mehrere Jahre, daran ließ Christoph Schmitz-Scholemann, Sprecher des Bundesarbeitsgerichts, Anfang der Woche keinen Zweifel. "Aus der Begründung wird klar, dass die CGZP nie tariffähig gewesen ist", sagte der Richter.

Wie viele Leiharbeiter tatsächlich mehr Geld nachfordern werden, vermag niemand vorherzusagen. Durch Klauseln in manchen Arbeitsverträgen könnten Ansprüche verfallen sein. Druck könnte allerdings von der Bundesagentur für Arbeit kommen. Sie überwacht, ob Verleiher alle Vorschriften des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes einhalten. "Wenn eine Firma jetzt nicht ordnungsgemäß den Lohn nachzahlt", sagt Holger Thieß, Arbeitsrechts-Anwalt in Hamburg, "dann muss die Arbeitsagentur ihr die Lizenz entziehen." Thieß vertritt zehn Leiharbeiter, die selbst zusätzlichen Lohn einklagen wollen.

Viel gewichtiger sind aber die Forderungen der Sozialversicherungen. Auch sie können aus dem Urteil Ansprüche ableiten – zusätzliche Beiträge zur Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Rückwirkend für bis zu vier Jahre, individuelle Vertragsklauseln spielen dabei keine Rolle. Der Betriebsprüfdienst der Rentenversicherung hat im Dezember bereits rund 1400 Zeitarbeitsfirmen mit CGZP-Tarif angeschrieben. Er forderte die Unternehmen auf, "unverzüglich" den Beitragspflichten nachzukommen, die sich aus dem Urteil ergäben. Und kündigte zudem an: "Wir beabsichtigen, im Jahr 2011 eine Betriebsprüfung in Ihrem Unternehmen durchzuführen."