Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Warum ich, in mühevollster Kleinarbeit, ausgerechnet Romanistik studiert habe, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Französisch war mein schlechtestes Fach in der Schule. Vielleicht habe ich damals gerne französische Literatur gelesen. Ich habe Rotwein getrunken, ich aß zum Frühstück Croissants, ich hörte gerne das Lied Amsterdam von Jacques Brel – habe ich etwa deswegen Romanistik studiert? Der junge Mann, der ich war, ist mir ein Rätsel. In den Proseminaren konnten alle recht gut Französisch sprechen. Bei mir war dies nicht der Fall. Man konnte für ein Jahr als Aushilfslehrer für Deutsch an eine französische Schule gehen, ich dachte, auf diese Weise lerne ich garantiert Französisch, das muss ich unbedingt machen. Dazu war allerdings die Zwischenprüfung erforderlich, die Zwischenprüfung musste man haben. Um die Zwischenprüfung erfolgreich zu bestehen, musste man aber recht gut Französisch sprechen. Das war die Ausgangsposition einer klassischen antiken Tragödie. Egal, welchen Schritt du tust, in welche Richtung auch immer, jeder Weg führt in den Untergang.

Kurz vor dem Ende der Anmeldefrist habe ich mich für den Aushilfslehrerjob gemeldet. Mit »kurz vor dem Ende« meine ich: am letzten Tag, mittags. Die Frau im Uni-Sekretariat guckte strafend, aber es ist so: Wenn du einen Fehler machst und du entschuldigst dich und du machst einen zerknirschten Eindruck, dann hilft das. Die Frau fragte erwartungsgemäß nach dem Zwischenprüfungszeugnis. Ich sagte: »Verdammt! Das Zeugnis! Liegt das Zeugnis etwa nicht bei?« Wunder gibt es immer wieder.

Ich habe nicht behauptet, dass ich das Zeugnis hätte. Ich habe lediglich gefragt, ob das Zeugnis denn nicht beiliegt, und habe einen verzweifelten Eindruck gemacht. Ich habe niemals die Unwahrheit gesagt. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Frau meinte, dass ich das Zeugnis dann halt bei der französischen Schule nachreichen könne, und sie schrieb etwas auf den Bewerbungsbogen. Eines habe ich vergessen zu erwähnen. Sie haben damals jeden genommen, der sich für Nordfrankreich beworben hat, denn da wollte keiner hin, Nordfrankreich ist nicht so toll. Alle wollten in die Provence oder nach Paris. Ich wollte nach Nordfrankreich. An der französischen Schule hat sich keiner für das Zeugnis interessiert. Die hatten andere Sorgen. Die waren einfach nur glücklich über den neuen Aushilfslehrer, da oben im Norden. Am Ende des Jahres konnte ich parlieren, charmieren, mich echauffieren, sautieren und filibustern, dass es eine helle Freude war. Ich habe mich nach dem Job an einer anderen deutschen Uni beworben. Variatio delectat, wie wir Lateiner sagen.

Im Sekretariat der anderen Uni fragten sie erwartungsgemäß sofort nach dem Zwischenzeugnis. Ich sagte: »Ohne das Zeugnis kriegt man den Job in Frankreich doch gar nicht, oder?« Es war nur eine Gegenfrage, ich habe niemals gelogen. Aber sie waren damit zufrieden, und meinen Magister Artium habe ich, nach allen Regeln der Kunst, mit summa cum laude abgelegt. Nicht dass ich angeben möchte. Summa cum laude kriegt jeder, der bis drei zählen kann. Ich führe den Titel aber nicht. Zumindest nicht mehr offiziell. Als Bundesminister, Landesbischof oder Vorsitzender des Zentralrats der Anthroposophen komme ich vermutlich nicht infrage, obwohl ich mir das alles zutraue. So schwierig ist das nicht. Soziale Intelligenz ist das Wichtigste. Stattdessen schreibe ich Kommentare über politisch-moralische Grundsatzfragen und höre immer noch gelegentlich das Lied Amsterdam von Jacques Brel.

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