Der Hausherr Dr. Linde ist noch im Mantel, hält den Hut in der Hand und blickt leicht irritiert zum Eingang. Ähnlich Frau Marie Henneberg. Skeptisch lehnt sie sich in ihrem matt gepunkteten Sessel zurück, das Kinn auf die rechte Hand gestützt, deren Daumen mit einer pompösen Ansteckblume an ihrem fließenden Chiffonkleid spielt. Eindrucksvoll schielend, misst sie den Betrachter, der betreten vor ihr steht. Der Empfang in der Dauerausstellung der Stiftung Moritzburg in Halle gerät mit diesen beiden großbürgerlichen Paradefiguren der Jahrhundertwende, Edvard Munchs Herrn Linde und Gustav Klimts Frau Henneberg, recht frostig.

Sie wachen über Ausstellungsräume, die es in dieser Form nur hier zu besichtigen gibt. Das Museum, Schloss Moritzburg, wurde als Burg an der Saale um 1500 im Stil der späten Gotik gebaut, nach dem Dreißigjährigen Krieg verkümmerte es zur Ruine, bis man die Anlage um 1900 als Turnhalle nutzte und wenig später, historistisch aufgepäppelt, zum Kunstmuseum umwidmete. Zum spektakulären, ja zu einem der spektakulärsten Museumsbauten überhaupt, wurde es 2008, als das spanische Architekturbüro Nieto Sobejano über die Ruinen des Nord- und Westflügels ein zackiges Aluminiumdach spannte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Darunter versammelt sich heute das, was man gemeinhin die "Moderne" nennt, vertreten in einer exquisiten Auswahl: die messerscharf gezogenen Industrielandschaften der Neuen Sachlichkeit von Karl Völker; die wie in einer Ahnung über das Leid des nahenden Dritten Reichs gepeinigten Figuren Wilhelm Lehmbrucks; oder die kubistisch-lichten Veduten von Halles Stadtporträtisten Lyonel Feininger auf der Balustrade, wo große Fenster dazu einladen, die Kunst mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Feininger gewinnt nach Punkten deutlich gegen eine an diesem Tag gräulich vernieselte Dachlandschaft.

Die labyrinthischen, historistisch mit Stuck behängten Seiten- und Nebenflügeln des Schlosses sind der Kunst vor der Moderne vorbehalten. Sollte man daraus den Schluss ziehen wollen, diese seien weniger frisch und weniger unmittelbar, so wäre das ein Fehler. Was hier hängt, von Franz Lenbach bis Lovis Corinth, stellt die Kollegen der Klassischen Moderne oftmals in den Schatten. Zum Beispiel das Doppelbildnis Max Beckmann und Minna Beckmann-Tube von 1909, auf dem sich die Körper der Eheleute – bei tadelloser Wahrung des Anstands! – so intim zueinander neigen und aus ihren Augen, auf den Betrachter gerichtet, eine so delikate Mischung aus Blasiertheit und Zärtlichkeit spricht. Im Vergleich dazu wirkt die Freundinnenszene der neusachlich ins Gras drapierten Drei Mädchen von Georg Schrimpf, gut 20 Jahre später entstanden, allzu künstlich heruntergekühlt, als sollte es für die Moderne länger frisch bleiben.

Wer der Modernere ist, lässt sich auch in der Abteilung der expressionistischen Brücke-Künstler aus der Sammlung Gerlinger kaum beurteilen. Feststellen kann man dagegen mal wieder, dass Kirchner und seine Kollegen Pechstein, Heckel und Co eine, man muss es so sagen, sehr versaute Fantasie gehabt haben müssen (sofern es bei den Gedanken geblieben ist). Holzschnitte für Ausstellungsplakate, Werbezettel und Jahresbilder, die sie ihren zahlenden Mitgliedern (Beitrag 12 Mark im Jahr) als regelmäßige Gaben überreichten, zeigen, wie sich im Jahre 1905 vier Malerfreunde zusammentaten, weniger auf der Suche nach gemeinsamem künstlerischen Ausdruck denn nach erhöhter Aufmerksamkeit, sprich: Preisen für ihre Werke.

Richtig zusammengefunden hat sich die Gruppe erst, das zumindest legen die in chronologischer Abfolge gehängten Holzschnitte nahe, als sie ihre Lust am gemeinsamen Zeichenobjekt fand: minderjährige nackte Mädchen am See. Nicht immer sind sie von der erdig-unschuldsvollen Reinheit wie Otto Muellers Akte in abendlicher Landschaft. Heckels Kindsfrau Fränzi lässt trotz ihrer herben Statuarik vor halb abstraktem Hintergrund schon die Durchtriebenheit durchscheinen, wie sie bei Kirchners Akten im Strandwald ganz offenbar wird.

Seine Lolitas sind vollauf damit beschäftigt, Po und Brüste hinter Baumstämmen hervorzustrecken. Die Modernität im Sinne der künstlerischen Weiterentwicklung, die ästhetische Reife dieser Werke will man gar nicht bezweifeln. Aber die sittliche?

In einem Nebenflügel des Schlosses, dem Kuppelsaal am Ende eines langen Gangs, hängt ein Bild von Hans von Marées mit einem Reiter, der lässig von seinem Schimmel einen Apfel vom Baum pflückt. Zwischen Flucht und Erregung beobachtet eine Nackte vom Brunnenrand aus das Geschehen. Wie viel subtiler die Erotik des Sündenfalls, wie elegant die Verführung, wie ironisch die Verkehrung der biblischen Handlung.

Ist es nicht unfair, unhistorisch, ungebührlich, die bildungsgesättigte Reife, die handwerkliche Finesse des 19. Jahrhunderts mit den expressiven, doch um nichts weniger pubertären Fantasien der Dresdner Expressionisten zu vergleichen? Ganz bestimmt. Frau Henneberg, die Torwächterin des großartigen Museums in Halle, wird das, da sind wir uns sicher, genauso sehen.