Lars Hinrichs macht den Eindruck, als könnte er die Zukunft tatsächlich kaum erwarten. Es ist halb zwölf am »Business Angels Tag« in der Stuttgarter Messe, als ihn die Gegenwart auf eine Geduldsprobe stellt. Auf der Bühne stehen Business Angels, Menschen mit viel Geld, das sie Unternehmern als Risikokapital zur Verfügung stellen, damit die daraus noch mehr Geld machen. In der Diskussion geht es um ihre größten Flops: »Verrat ich nicht«, sagt einer. »Noch nicht realisiert«, sagt ein anderer. Hinten im Saal steht Lars Hinrichs auf und geht zur Tür. In der Hand Blackberry und iPhone, im Gesicht Langeweile und im Kopf den Plan, einen früheren Rückflug nach Hamburg zu nehmen.

Lars Hinrichs ist selbst Investor, unterscheidet sich aber von den meisten Business Angels im Saal. Erstens weil er Begeisterung ausstrahlt. Er sagt oft »sensationell«, wenn er deutsch spricht, und »great«, wenn er seinen etwa 7800 Lesern auf Twitter Kurznachrichten schickt. Zweitens weil Fehlschläge für ihn »negative Erfolge« sind, »das Beste, was passieren kann«. Nach einer Insolvenz hat er das Erfolgsunternehmen Xing gegründet, ein Onlinenetzwerk für berufliche Kontakte. Er hat bewiesen, dass man nach einem sensationellen Flop einen sensationellen Hit landen kann, wenn man aus Fehlern lernt.

Nach Stuttgart ist der 34-Jährige gekommen, um einen »Bericht zur Lage der Zukunft« vorzutragen. Hinrichs schlendert auf die Bühne, das Hemd hängt an einer Seite aus der Anzughose. Er spricht von der »Cloud«, der Wolke aus Rechnerkapazitäten, die das Internet bildet. Von »Big Data« und »Software as a Service« – riesigen Datenmengen und Programmen, die im Netz »on demand« bereitgestellt werden.

»Wir brauchen Viagra für mehr Entrepreneurship«, sagt er

»Ich sehe heute mehr Dinge, die andere Leute nicht sehen, als jemals zuvor«, sagt Hinrichs so unprätentiös, als würde er die Wettervorhersage vorlesen. Allerdings fehle es in Europa an Unternehmern, die mit neuen Technologien Geld machen können. »Wir brauchen Viagra für mehr Entrepreneurship: Vorbilder, für die Unternehmertum interessanter ist als alles andere.«

In diesem Sinne ist Hinrichs Viagra pur. In den Kongressunterlagen nimmt seine Kurzbiografie mehr Platz ein als die aller anderen Redner. Da steht, dass Hinrichs Seriengründer, Business Angel, Grimme-Preisträger und »Young Global Leader« ist. Und dass er Xing erfunden hat, diese Cliquenfabrik der Wirtschaftswelt. 2009 verkaufte er seine Anteile an den Medienkonzern Burda. Für 48 Millionen Euro. Hinrichs könnte sich auf der Vergangenheit ausruhen. Aber das wäre nicht seine Art. Er ist voller Energie. Er strahlt, wenn er über neue Technologien spricht – zum Beispiel über die iPhone-Applikation, mit der er per Kamera in seine Hamburger Wohnung schauen und dort die Temperatur kontrollieren kann. Hinrichs brennt für Unternehmertum, und er hat den Mut zu scheitern. Deswegen steckt er sein Geld aus dem Xing-Verkauf jetzt in »Geeks«.

Geeks sind Computerfreaks, die vom Internet viel, aber vom Unternehmertum wenig verstehen – und deswegen selten Firmen gründen, geschweige denn Investoren finden. Softwareentwickler, die Programmiersprachen besser beherrschen als jede andere Sprache. Hacker, die nur eine Richtung kennen: vorwärts, in die Zukunft. Daher lautet der Name von Hinrichs’ neuem Unternehmen HackFwd, sprich: HackForward.

Wer wissen will, wie HackFwd funktioniert, kann nach Hamburg fahren, zur Bleichenbrücke1. Mit dem gläsernen Aufzug geht es nach oben, zu Lars Hinrichs. Neben der Tür steht ein mannsgroßer Aufsteller mit einem Ablaufdiagramm voller Pfeile und Kästchen. Die Grafik ist so etwas wie der Quelltext von HackFwd. Sie zeigt, mit welchem Input Hinrichs neue Unternehmen als Output erzeugt: Die Geeks bringen Leidenschaft und Konzept mit. Sie bekommen Startkapital und geben dafür Anteile her, bisher sind es sieben Unternehmen. Die Geeks treffen sich regelmäßig mit Experten aus dem HackFwd-Netzwerk, um Fehler auszumerzen. Sie basteln den Prototyp, entwickeln Updates, kommen auf den Markt und schaffen den Durchbruch.

Und wenn das nicht klappt? »Denk über deine nächste Idee nach«, steht da, »es macht uns nichts aus, dich ein zweites Mal zu sehen.«

Die Unterstützung von HackFwd soll den Geeks helfen, sich voll aufs Tüfteln zu konzentrieren. Und aufs Ballern – jedenfalls im Fall von Arne und Helge Wieding. Die Brüder programmieren ein Panzerspiel, das man im Web-Browser mit seinen Onlinefreunden spielen kann. Per Videokonferenz überzeugten die Entwickler Hinrichs von der Idee und trafen sich kurz darauf beim Notar, um die Verträge zu unterschreiben. Arne Wieding sagt: »Als Lars Hinrichs plötzlich dastand, war das, wie wenn man einen Fernsehstar trifft.«

Der Öffentlichkeit wird dieser Star zum ersten Mal im Jahr 1994 präsentiert, als »Computerfreak« in einem Spiegel -Artikel. Seit fünf Jahren wählt er sich da schon ins Internet ein, anfangs mit einem Akustikkoppler. Um die Telefonkosten abzustottern, schuftet er nach der Schule im Baumarkt.

Für einen Chef zu arbeiten hält der Spross einer Hamburger Unternehmerfamilie aber nicht lange aus. Am PC tippt er ein Internetkonzept für eine Firma, tauscht dann den Namen des Unternehmens immer wieder aus und verkauft dasselbe Papier so an unzählige Abnehmer. Seitdem ist er auf der Jagd nach »skalierbaren Geschäftsmodellen«, bei denen der Ertrag stärker steigt als der Mitteleinsatz.

In den neunziger Jahren half er, die Bundeswehr ins Netz zu bringen

Hinrichs skaliert auch sein Leben. Als Leistungskurse wählt er Gemeinschaftskunde und Deutsch, weil dort mit »minimalem Input maximaler Output« zu holen ist. An der Uni Witten-Herdecke, an der er sich später einschreibt, hält er es nur einen Tag lang aus. An diesem Tag lernt er: Man muss nicht alles selbst können – es genügt, wenn man die Leute einkauft, die es können.

Im Herbst 1996 kommt er als Wehrdienstleistender auf die Hardthöhe nach Bonn. In ein kleines Büro mit einer Leitung in die große neue Internetwelt. Er kommt zu Oberstleutnant Heinrich Lebek. »Hinrichs war nicht gerade von Bescheidenheit geplagt, aber er hat mich mit seinen Visionen in eine Welt gelockt, in der ich immer noch lebe«, sagt Lebek, der heute pensioniert ist und mehrere Homepages pflegt. Bis Mitte 1997 hilft Hinrichs Lebek, die Bundeswehr ins Internet zu bringen, und bekommt dafür eine Ehrenmedaille – maximaler Output. Auf der Hardthöhe lernt Hinrichs Peer-Arne Böttcher kennen. Nach ihrem Wehrdienst starten sie eine Politikplattform im Netz, die vom Grimme-Institut prämiert wird. Politik im Netz ist damals etwas Neues, aber nichts, womit sich Geld verdienen lässt. Also gründen sie eine Kommunikationsberatung und Softwareschmiede, die Böttcher Hinrichs AG. In Rekordzeit verbrennen sie drei Millionen Mark Risikokapital. Kurz nachdem die Internetblase im Jahr 2000 platzt, sind auch Unternehmen und Freundschaft am Ende.

Die Insolvenz bezeichnet Hinrichs später stets als »teuersten MBA-Kurs der Welt«. Er notiert 100 Dinge, die schiefgelaufen sind. Seitdem gibt es nur noch einen Chef in seinen Unternehmen: ihn selbst. Auf einer Kubareise liest er das Buch The Tipping Point . Darin schreibt der US-Journalist Malcolm Gladwell über die Macht von Sozialen Netzwerken und »Konnektoren«, die Ideen und Menschen zusammenbringen. Zurück in Deutschland, gibt Hinrichs fast sein ganzes Geld für sein nächstes Projekt aus und wird Konnektor. Einfach soll das Produkt dieses Mal sein und klein das Unternehmen. Das ist Open BC: Auf der Plattform kann sich jeder kostenlos mit seinen Geschäftskontakten vernetzen. Nur wer besondere Funktionen nutzen will, muss zahlen. Nach 90 Tagen ist das Unternehmen profitabel. Im Jahr 2006 bringt Hinrichs es unter dem Namen Xing an die Börse, da ist er keine 30 Jahre alt. Als er dem Vorstand im Jahr 2008 den Rücken kehrt, zählt Xing bereits 6,5 Millionen Mitglieder, inzwischen sind es mehr als zehn Millionen. Mit rund 2600 von ihnen ist Hinrichs heute bei Xing verbunden.

Sein Privatleben will er von der Öffentlichkeit fernhalten – was einer so vernetzten Persönlichkeit wie ihm kaum gelingt. Wer das Internet durchforstet, findet heraus, wann er seine Frau Daniela geheiratet hat, wie seine Wohnung mal aussah, dass er Vater zweier Kinder ist und Yoga macht. Spricht man mit einigen seiner Xing-Kontakte, erfährt man, dass Hinrichs sehr von sich überzeugt und deswegen mitunter anstrengend sei. Der Erfolg von HackFwd wird ihrer Ansicht nach auch davon abhängen, ob Hinrichs gleichberechtigte Partner duldet. Bisher sieht es danach aus: Um HackFwd hat der Konnektor ein Netz aus Experten gesponnen, die Geeks entdecken, beraten und mitfinanzieren.

Hinrichs gilt als geradlinig und integer, als jemand, der das Bild des »ehrbaren Kaufmanns« verkörpert. Das bestätigt Nummer 2042 in Hinrichs’ Kontaktliste, Thorsten Singhofen. Er hat mit einem Geschäftspartner eine der ersten »Hackboxen« von HackFwd gegründet. Als Singhofen aussteigen wollte, weil er mit seinem Mitgründer nicht mehr klarkam, habe Hinrichs erst vermittelt, dann habe man sich »ganz sauber« getrennt, sagt Singhofen.

Die Trennung von Peer-Arne Böttcher im Jahr 2001 übernahm am Ende ein Gericht. Er ist nicht unter Hinrichs’ Kontakten bei Xing. Fragt man Hinrichs, ob er jemals versucht habe, sich wieder mit ihm zu vernetzen, sagt der nur, dass Böttcher inzwischen noch mehr Erfahrungen mit Insolvenzen gesammelt habe. Das klingt wie Nachtreten. Hinrichs, das sagen Geschäftspartner, sei einer, der »binär tickt«. Er sehe nur Nullen und Einsen und teile die Welt in Freunde und Feinde, Könner und Nichtskönner. Hinrichs, der Geek und Skalierer, nennt das eine »effiziente Strategie«.

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