Türen schließen selbsttätig, Vorsicht an der Bahnsteigkante, und schon sitzen wir im morgendlichen Regionalexpress von Berlin nach Halberstadt mit Umsteigen in Magdeburg. Drei Stunden hin, drei zurück. In der Plastikschale gegenüber: Francesco Tristano, 29, Konzertpianist, tags zuvor aus New York eingeflogen, kaum geschlafen, blass, aber für ein Lächeln reicht’s und eben an der Kaffeebar zwischen Taxi und Gleis 14 auch für seinen ersten Espresso dieses Tages, Frühstück fiel aus.

Es gilt jetzt wach zu bleiben, obwohl man im längsten Konzert der Welt, das wir in Sachsen-Anhalt kurz besuchen wollen, durchaus einnicken darf.

Wilde Locken, sinnliche Lippen, ein Kehlkopf, der die Blicke auf sich zieht, raffinierte, eng geschnittene Kleidung, androgyner Typ: Tristano ist ein von der Natur reich beschenkter Jüngling, der als Model leben könnte, hätte er sich nicht der Handarbeit am Ton verschrieben, in der er sich seit früher Kindheit übt und die ihn von seiner Heimat Luxemburg bis an die New Yorker Juilliard School führte.

Tata-tata-ta-taa-ta! Alle paar Minuten stößt der Zuglautsprecher seine groteske Fanfare aus. Wir erreichen jetzt Werder/Havel.

Und nun ist Tristano, der seit Jahren in Barcelona lebt, eine Spielzeit lang Artist in Residence der Hamburger Symphoniker. Sechs möglichst unterschiedliche Konzerte darf er geben, nach dreien kann man sagen: Er lässt das grauhaarige Publikum aufhorchen, ohne es zu verstören, und er lockt junge Zuhörer an, die noch nie einen Konzertsaal von innen gesehen haben, die sonst nur Clubs mit seltsamen Namen frequentieren, wie zum Beispiel das Uebel & Gefährlich in dem alten Flakbunker gegenüber vom Millerntor.

Seine CD Not For Piano brachte vor vier Jahren die tanzwillige Szene in Schwung: Da spielt einer Techno auf dem Flügel – und wie! Für die Klassikhörer entstanden derweil Aufnahmen der Goldberg-Variationen oder mit Klavierkonzerten von Ravel und Prokofieff. Tristano zählt somit zu den ganz wenigen Grenzgängern: die Pianisten Friedrich Gulda und Richie Beirach, der Bassist Barry Guy… mehr fallen einem ja kaum ein.

Tristano aber sucht nicht den Jazz als Gegenpol, sondern die Öffnung schlechthin. Es geht ihm nicht um eine Popularisierung der E-Musik, sondern um eine neue Auseinandersetzung mit ihr. bachCage heißt programmatisch seine erste Platte bei der Deutschen Grammophon. Klavierstücke von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und John Cage (1912 bis 1992), auf eine Weise zusammengezogen, die den Alten moderner klingen lässt und den Neutöner weniger rau. Ein Recital, das Türen öffnet in der Mauer fest gefügter Hörerwartung, produziert von dem Berliner Dub-Reggae-Spezialisten Moritz von Oswald .

Tata-tata-ta-taa-ta! Wir erreichen jetzt Brandenburg Hauptbahnhof, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Es lichten sich die Reihen, das italienische Pärchen neben uns zwitschert bis Magdeburg durch. Tristano beherrscht viele Sprachen, Deutsch spricht er mit französischer Note.

"Ich versuche Bach und Cage im Konzert so zu präsentieren, als ob sie eins wären", sagt er. Deshalb bachCage, ohne Wortzwischenraum . "Auch in einem Konzert stört mich die Pause am meisten. Durch die Pause wird ein Konzert zu zwei Konzerten. Ich ziehe einen großen Bogen vor. Man kommt hinein, wird geführt, eigentlich manipuliert. Ein gutes Piano-Recital ist wie ein DJ-Set."