Der Weg zu den Hyänen führt vorbei an der Leprakolonie und dem nördlichen Stadttor, wo Frauen Kat verkaufen und Kinder an zwei Kickertischen, deren Beine sich tief in den roten Sand der Straße gegraben haben, abgeblätterte Fußballmännchen Salto schlagen lassen. Vorbei an den Mauern des Viehmarkts, dem verlassenen Hospital – Unterschlupf der Bettler, die tagsüber im Schatten der Moscheen die Hand aufhalten – und zuletzt dem christlichen Schlachthof mit seinem blutroten Eisengatter.

Eine Reisegruppe aus Italien wartet schon in der Dämmerung, daneben ein paar einzelne Touristen, am Busbahnhof oder in einer Gasse abgepasst von selbst ernannten Stadtführern, von denen jeder zweite versichert, er sei ein Sohn des Hyänenmanns und könne einen Sonderpreis gewähren. Ein dreirädriges Tuk-Tuk stottert im Leerlauf vor sich hin. Das Licht seiner Scheinwerfer schneidet eine kegelförmige Fläche auf den Sandplatz: die Bühne, auf der bis jetzt nicht mehr zu sehen ist als eine staubige Wolldecke. 

 In einiger Entfernung, an einem Abhang, von dem aus man bei Tageslicht über die ganze Ebene nördlich der Stadt blickt, steht ein Mann auf einem Felsblock. Den Oberkörper nach vorn in die Nacht gebeugt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Mund weit geöffnet, brüllt er mit aller Kraft etwas wie: "Wasa-Wasa-Wee, Wasa-Wasa-Wee", und dann kurze Laute, die nach Namen klingen: "Butha, Shanko, Tika." Der Hyänenmann ruft seine Mitarbeiter.

Ein Augenpaar glüht in der Senke auf, dann löst sich aus der Dunkelheit ein großer, gefleckter Körper mit gebogenem Nacken und struppigem Fell. Die Hyäne hält den Kopf fast auf Bodenhöhe gesenkt, als sie den Abhang hinaufkommt, und huscht mit leichtem Drall und eingekniffenem Schwanz an dem Mann vorbei, hinüber zu den Touristen. Sie kennt ihren Platz in diesem Schauspiel, das sich Abend für Abend vor der Stadtmauer wiederholt. Als ein halbes Dutzend Tiere zusammengekommen ist, klettert der Hyänenmann von seinem Felsen, greift sich einen Eimer voller Fleischabfälle und tritt in den Lichtkegel der Autoscheinwerfer.

In anderen Teilen der Welt gilt die Hyäne wenig. Sie wird gefürchtet und zugleich verachtet, man nennt sie feige, boshaft, gierig und verschlagen. Selbst gegenseitig, so heißt es, würden die Tiere sich derart misstrauen, dass sie niemals hintereinander durch die Steppe laufen, sondern stets Seite an Seite. Beschreibungen ihrer charakterlichen Mängel finden sich überall: von den ostafrikanischen Märchen, wo sie als ewige Verlierer sogar vom harmlosen Hasen ausgetrickst werden, bis zu Brehms Tierleben, dessen Verfasser schreibt: "Unter sämtlichen Raubtieren ist sie unzweifelhaft die missgestaltetste, garstigste Erscheinung; zu dieser aber kommen nun noch die geistigen Eigenschaften, um das Tier verhasst zu machen." Nur in der heiligen Stadt Harar ist alles anders. Hier empfindet man Freundschaft und Respekt für das Tier und nennt es zärtlich nicht Hyäne, sondern "Durma Sheik" – junger Priester.