In einem Zentnersack Getreide steckt eine Menge Energie. Ein Mensch könnte sich zweieinhalb Monate lang davon ernähren, in dieser Zeit über 400 Stunden arbeiten und nach Feierabend auch noch ein paar Hundert Kilometer joggen. Man kann aus einem Zentner Getreide aber auch Ethanol herstellen, es in den Tank eines Mittelklassewagens füllen und von Hamburg aus in Richtung Süden aufbrechen. Weit würde man nicht kommen. Schon bei Hannover wäre der Tank leer.

Ein Kilo Weizen hält einen Menschen anderthalb Tage am Leben, ein Auto schafft es mit dem daraus gewonnenen Ethanol keine drei Kilometer weit. Ein Hektar Ackerboden liefert maximal 1500 Liter Benzin- oder Dieselersatz im Jahr. Selbst wenn die gesamte Fläche Deutschlands mit Energiepflanzen für den Tank bebaut würde, ließe sich der Durst unserer Motoren damit noch nicht stillen.

Die Umwandlung landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Treibstoff ist ihre ineffizienteste Nutzung. Schon im Oktober 2008 hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen das auf 421 eng bedruckten Seiten nachgewiesen und klipp und klar gefordert, die ökologisch unsinnige Beimischung von Biotreibstoffen in Benzin und Diesel zu stoppen. "Die damaligen Argumente gelten auch heute", versichert Jürgen Schmid von der Uni Kassel, einer der Autoren der Studie.

Nur ist die Frage: wie dann das Klima schonen und Öl einsparen? Biosprit soll schließlich auch dazu dienen, einen kleinen Schritt weg vom Öl zu machen. Wie abhängig die Welt von dem schmierigen Rohstoff ist, wird angesichts rasant steigender Preise und einer unsicheren Versorgungslage gerade wieder überdeutlich. Öl deckt gegenwärtig mehr als 40 Prozent des globalen Energiebedarfs, es treibt nicht nur Autos und Flugzeuge an, sondern heizt auch Wohnungen, wird in Strom verwandelt und ist der Grundstoff für neun von zehn Produkten der chemischen Industrie. Es wurde schon vor der gegenwärtigen Krise knapp. Laut einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) sinkt die Förderung aus 580 der 800 größten Lagerstätten. Die Ölproduktion in Russland und Mexiko geht zurück, Norwegen und Großbritannien melden schrumpfende Reserven. Die IEA schätzt, dass weltweit nie mehr so viel Öl aus konventionellen Quellen sprudeln wird wie 2006. Mit anderen Worten: Mit der Ausbeute aus bekannten Feldern geht es bergab.

Die Nachfrage wächst aber, vor allem aus China und Indien. Um den globalen Öldurst einigermaßen zu befriedigen, sei es notwendig, "vier neue Saudi-Arabiens" zu finden, urteilte der IEA-Chefökonom Fatih Birol. Der erste Impuls der Branche – und der staatlichen Genehmigungsbehörden – ist deshalb: bohren, was das Zeug hält.

"Wir werden wohl alle Felder ausbeuten, ob sie in der Tiefsee, in der Arktis, in Alaska oder irgendwo sonst in einem Naturschutzgebiet liegen", fürchtet Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Berliner Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Allein in diesem Jahr wollen westliche Ölfirmen – deren Kassen durch den gestiegenen Ölpreis prall gefüllt sind – rund 130 Milliarden Dollar in die Suche nach neuen Quellen stecken. Weniger als ein Jahr nach der Katastrophe auf der Bohrplattform Deepwater Horizon hat die US-Regierung erneut Lizenzen für Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko vergeben. Auch vor den Küsten Brasiliens, Grönlands und Westafrikas, vor Südindien, im arktischen Eismeer, im Schwarzen Meer und im Mittelmeer soll es mehr als 1500 Meter unter die Meeresoberfläche gehen. Die besonders umweltschädliche Ausbeutung von riesigen Ölsandvorkommen, besonders in Kanada, wird vorangetrieben.

Man könnte alternativ auch sparen. Nach den ersten beiden Ölkrisen in den siebziger Jahren sei das vorübergehend gut gelungen, sagt Klaus-Jürgen Gern, Fachmann beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Europas Wirtschaft ist in den vergangenen drei Jahrzehnten ordentlich gewachsen, trotzdem wird heute weniger Öl verbraucht als 1980. Nach Ansicht von Jochen Flasbarth, dem Chef des Umweltbundesamtes, sind beim effizienteren Umgang mit Energie "weitere Quantensprünge durchaus noch möglich" – vorausgesetzt, es gebe ehrgeizige Vorgaben durch die Politik, die auch durch entsprechende Gesetze unterfüttert würden.

 

Vor allem fordert Flasbarth erheblich größere Anstrengungen bei der Gebäudesanierung. Staatliche Förderprogramme müssten weiter ausgebaut und langfristig angelegt werden. "Dann sind hier große Potenziale zu heben."

80 Prozent des Öls wird für Mobilität und Wärme verbraucht. Wenn die Landwirtschaft zur Energieerzeugung beitragen soll, dann besser auf anderen Wegen. Denn landet die Ernte eines Hektars statt in der Ethanolraffinerie in einer Biogasanlage, kann ein Auto mit dem dort gewonnenen Methan dreieinhalbmal so weit fahren. Noch einmal 50 Prozent weiter kommt ein Elektroauto, dessen Strombedarf durch die Verbrennung der gleichen Erntemenge in einem Biomassekraftwerk gedeckt wurde.

All das ist seit Jahren bekannt. Doch die Politik ließ sich davon nicht beeindrucken und ging den Weg des geringsten Widerstands. Denn das ist der einzige Vorteil der ökologisch unsinnigen Biotreibstoffe: Niemand muss umdenken. Während Biomethan nur Erdgasautos antreiben kann und Elektroautos neben Strom aus dem Netz auch eine neue Infrastruktur benötigen, lässt sich Ethanol unauffällig ins Benzin mischen. Und schon sinkt der rechnerische CO₂-Ausstoß pro Kilometer um ein paar Gramm.

"Biotreibstoff ist zudem eine der teuersten Möglichkeiten, Treibhausgas zu vermindern", sagt Jürgen Schmid. Mit Ethanol aus Getreide kostet die Einsparung einer Tonne CO₂ fast 300 Euro. An der Börse für Klimaschutzzertifikate gibt es die gleiche Einsparung derzeit für 15 Euro. Biotreibstoff ist weder gut noch günstig. Aber bringt, wie das immer wieder gesagt wird, das Ethanol im Tank auch weltweit Hunger und Ausbeutung? Trägt es zur Zerstörung des Regenwalds bei? Ist seine Klimabilanz deshalb am Ende sogar negativ? Diese Argumente werden gegen E10 immer wieder bemüht. Doch die Fakten zeichnen, zumindest bisher, ein anderes Bild.

Fast 1,2 Milliarden Liter Bioethanol wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verbraucht. 740 Millionen, also rund zwei Drittel davon, stammten aus einheimischer Produktion – zwei Drittel davon wiederum aus Weizen und anderem Getreide, der Rest aus Zuckerrüben. Die Erzeugung von Lebensmitteln hat darunter nicht wesentlich gelitten, weil für die zusätzlichen Äcker vor allem stillgelegte Flächen wieder bebaut wurden. Ethanol aus Brasilien oder anderen tropischen Ländern mit Regenwald wurde praktisch nicht importiert. Die Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch in Deutschland deckten vor allem Einfuhren aus Belgien und Frankreich.

Die Europäische Union insgesamt stillt ihren Ethanoldurst bisher zu über 90 Prozent aus eigener Produktion. Der Rest stammt hauptsächlich aus den USA, dort wird die Ethanolherstellung mit Milliarden subventioniert. Brasilianisches Ethanol aus Zuckerrohr erzielt in dem boomenden Land derzeit so hohe Preise, dass sich ein Export gar nicht lohnt.

Um zu verhindern, dass der Anbau von Energiepflanzen für die Ethanolherstellung das Klima schädigt, hat die Bundesregierung vor zwei Jahren eine Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung erlassen. Haarklein sind dort die Mindeststandards für jeden Schritt der Erzeugung aufgeführt. Keinesfalls dürfen für den Anbau Regenwälder gerodet oder Feuchtgebiete trockengelegt werden. So soll garantiert werden, dass Biotreibstoff von der Aussaat bis zur Verbrennung pro Kilometer zu mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgasausstoß führt als der Einsatz von Benzin. 2018 sollen es 60 Prozent weniger sein.

Kritiker gehen jedoch davon aus, dass die gesetzlich gesteigerte europäische Biokraftstoffnachfrage in Zukunft andere Feldfrüchte verdrängen und am Ende doch zu "indirekten Landnutzungsänderungen" und damit zu Hunger und hohen Treibhausgasemissionen führen wird. Eine von Umweltverbänden in Auftrag gegebene Studie schätzt: Bis 2020 könnten weltweit "bis zu 69000 Quadratkilometer" davon betroffen sein – eine Fläche von der Größe Bayerns.