Normalerweise liegen zwischen Hamburg und Berlin ziemlich genau 300 Kilometer, doch an diesem Abend haben sich die Distanzen verschoben. Dieter Lenzen, der immer noch neue Präsident der Universität Hamburg, sitzt in seinem weitläufigen Büro an der Edmund-Siemers-Allee und versucht, die Enttäuschung aus seinem Gesicht zu lächeln. "Die Chance war äußerst gering, wir wussten das", sagt er. Jan-Hendrik Olbertz, der noch neuere Präsident der Humboldt-Universität (HU) Unter den Linden, hat derweil ein anderes Problem. Er will sich nicht zu sehr freuen. "Eine Tasse Kaffee, ein Stück Marzipantorte, und weiter geht die Arbeit", sagt er, sachlich-jovial wie immer.

Die Exzellenzinitiative geht in die nächste, in ihre letzte Phase. Am Mittwoch vergangener Woche haben Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft mitgeteilt, welche der 89 Bewerberuniversitäten im Rennen bleiben um die Graduiertenschulen und Exzellenzcluster, vor allem aber um den begehrten Status der "Eliteuniversität". Wobei alle Beteiligten wieder einmal größten Wert auf die Feststellung legten, dass es Letzteren offiziell gar nicht gebe, gekürt würden lediglich die besten "Zukunftskonzepte".

Die demonstrative Nüchternheit konterkarierten allerdings die sie begleitenden multimedialen Einlagen, von der per Livestream übertragenen Verkündung der Vorrundensieger bis hin zu ihrem "Public Viewing" an mehreren Universitäten, inklusive Spontankommentaren durch die Präsidenten. Denn im Grunde war allen klar: Bereits zum dritten Mal teilt die Exzellenzinitiative die deutschen Universitäten in Spitze und Breite ein, in Hoffnungsträger und Enttäuschte. Und plötzlich sind die Entfernungen zwischen Gewinnern und Verlierern riesengroß: Da feiert dann zum Beispiel die Uni Mainz vier Nominierungen inklusive Zukunftskonzept, während die ebenfalls reformorientierte Goethe-Universität um die Ecke in Frankfurt komplett leer ausgeht. NRW räumt ab mit 16 Anträgen in der Endrunde, ganz Hessen bekommt nur zwei Skizzen durch.

Kaum jemand kennt das Spiel um Macht und Anerkennung in der Wissenschaft so gut wie die beiden Männer, die nach der Entscheidung vergangene Woche mit so unterschiedlichen Emotionen zu kämpfen hatten. Dieter Lenzen, 63, war bis vor Kurzem noch auf der Seite der Gewinner, er hat die Freie Universität Berlin 2007 zum Exzellenzsieg geführt. Jan-Hendrik Olbertz, 56, war Kultusminister in Sachsen-Anhalt, ein äußerst erfolgreicher dazu. Dann hat es bei beiden gekribbelt. Den einen, Lenzen, reizte es, ob er seinen Geniestreich von einst würde wiederholen können, innerhalb von zehn Jahren eine als "links und leistungsfeindlich" verschriene Uni zur nationalen Vorzeigeinstitution umzukrempeln ; der andere, Olbertz, träumte davon, jene Universität aus der Dauerkrise zu reißen, die als einzige das Humboldtsche Erbe schon im Namen trägt. Lenzen wechselte im März 2010, Olbertz im Oktober. Für beide war es, zumindest von außen betrachtet, ein Abstieg. Doch nicht in ihrer eigenen Logik: Sie hatten es noch einmal wissen wollen.

Vergangene Woche haben beide ihre erste Antwort bekommen, und sie hätte unterschiedlicher nicht ausfallen können: Hamburg schaffte es mit gerade einmal einem Antrag in die nächste Runde. Die HU dagegen glänzte – drei Graduiertenschulen, zwei Exzellenzcluster, auch Elite-Uni kann sie noch werden. "Ich freue mich, dass die HU bescheinigt bekam, dass sie das Zeug dazu hat", sagt Olbertz. Wieder so ein bescheidener Satz, der kaum ahnen lässt, was für traumatische Jahre die HU hinter sich hat. Vor der ersten Phase der Exzellenzinitiative 2006 hatten sie noch so fest mit dem Elitetitel gerechnet, als stünde der für eine Hauptstadt-Uni mit 200-jähriger Tradition bereits als gottgegeben fest. Dann kam die große Enttäuschung, und die gleich doppelt: Die HU verlor, und ausgerechnet die oft belächelte lokale Konkurrenz von der Freien Universität war obenauf. Was folgte, waren Jahre der Selbstzerfleischung, die Olbertz’ sprühend gestartetem Vorgänger Christoph Markschies eine zweite Amtszeit verleideten.