Er will immer die doppelte Portion. Auf seinem großen Teller drängt sich der Fisch neben dem Reis, bis zum Rand. Daneben sein Salat, gleich zwei Teller. Salatblätter, Tomaten, Rote Beete. Wenn er aufsteht, lässt er von allem die Hälfte zurück. Wie gestern. Morgen wird es wieder so sein.

Seine drei Tischnachbarn wundern sich nicht, niemand mault: Muss das immer sein? Das ist so.

Jakob Odenwald weiß, warum. Herr Goldschmidt, sein Herr Goldschmidt, hat es ihm gesagt, gleich am ersten Tag, auf dem Weg vom Speisesaal zurück zu seiner Wohnung: "Der Mann bei uns am Tisch, der war auch im KZ. Und jetzt fürchtet er halt immer noch, dass es für ihn vielleicht einmal nicht reicht."

Hunger, Todesangst, Trauer um die Eltern, die Geschwister, die Onkel, die Tanten, die Großeltern, die erschossen, vergast, verscharrt oder verbrannt wurden – die meisten Bewohner dieses Hauses haben etwas erlebt, das sie für immer quälen wird. Etwas, mit dem niemand jemals fertigwerden kann. Jakob Odenwald, 20, ist unter ihnen, dreimal in jeder Woche. Montags, dienstags, mittwochs.

Herr Ganor, ein Mann, mit dem er spazieren geht, hat ihm gleich bei ihrer ersten Begegnung gesagt: "I will never talk any German with you."

Herr Goldschmidt, Herr Ganor, Frau Heinemann, Frau Goldberger, Frau Sichel – Jakob Odenwald besucht sie alle, mal eine Stunde, mal länger. Sie alle leben in Beit Bart, einem Seniorenheim, das es so in Deutschland niemals geben wird und das doch ein Haus deutscher Geschichte ist. Ein großes Haus, in dem Stockwerk für Stockwerk Menschen wohnen, die den Holocaust, die Schoah, überlebt haben. Jakob Odenwald, der blonde junge Mann aus "Germania", aus Kirchentellinsfurt bei Tübingen, ist hier Zivi, an der Hebron Road56, Jerusalem, Israel. Weil er es unbedingt wollte.

"Das soll nicht pathetisch klingen", sagt er, "aber die Deutschen haben dem jüdischen Volk unvorstellbares Leid angetan. Sie haben sechs Millionen Juden ermordet. Schuld daran habe ich nicht, das war die Generation meiner Großeltern. Aber ich bin Deutscher. Ich habe Verantwortung dafür, dass diese Verbrechen nicht vergessen werden und dass ich jenen helfe, die bis heute darunter leiden. Dass ihnen jemand zuhört. Mehr kann ich nicht tun. Aber ich will, dass sie wissen, dass ich ihre Geschichte kenne."

Mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ist Jakob Odenwald vor einem halben Jahr ins Land gekommen. 30 jungen Frauen und Männern ermöglicht diese Organisation jedes Jahr, als Freiwillige nach Israel zu gehen, Überlebenden des Holocaust zu begegnen, bei sozialen Projekten mitzuarbeiten. Vor 50 Jahren zum ersten Mal. Über 1400 junge Deutsche haben seitdem meist nach ihrem Abitur in Seniorenheimen, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, in Kibbuzim, in Projekten für jüdisch-arabische Verständigung, in Archiven für die Erforschung der NS-Zeit ein halbes oder ein ganzes Jahr gearbeitet. Auch für Jakob Odenwald ist die Woche geteilt: zweieinhalb Tage in den Central Archives for the History of the Jewish People, wo er jüdische Nachlässe historisch aufarbeitet, zweieinhalb Tage in Beit Bart. Er weiß jetzt, was er machen will, wenn er zurück in Deutschland ist: Geschichte studieren.