Deutschland hat sein erstes islamistisches Attentat erlebt, und was macht die sonst so kommentierfreudige deutsche Presse? Sie schweigt auf breiter Front. Und wo sie nicht schweigt, beschwichtigt sie mit wenigen Ausnahmen nach Kräften. Arid U. sei ein Einzeltäter, da gebe es keine Verbindungen zu terroristischen Strukturen. Einzeltäter, das bedeutet so viel wie "verrückt". Tatsächlich muss einer vollkommen aus der Bahn geraten sein, wenn er zwei Menschen aus nächster Nähe per Kopfschuss tötet. Der Einzeltäter also wird schnell der Klapsmühle überantwortet, das heißt entpolitisiert. Wer möchte schon mitten in der sich wieder aufheizenden unseligen Debatte um den Islam in Deutschland ein islamistisch motiviertes Attentat öffentlich erörtern? Da könnte schnell was in die falsche Richtung losgehen.

Doch gibt es noch ein anderes Motiv hinter dem Beschweigen des Attentates: Deutschlands Provinzialität. Als im Dezember vergangenen Jahres der damalige Innenminister Thomas de Maizière zum ersten Mal eine Terrorwarnung ausgab , ging ein Angstzittern durch die Presse. Bomben am Hauptbahnhof? Auf dem Weihnachtsmarkt? Im Fußballstadion? Der Schrecken wurde mit kräftigen Farben ausgemalt, weil Deutschland vollkommen verdrängt hatte, dass es seit Jahren aktiver Teil im Krieg gegen den Terror ist. Plötzlich erinnerte man sich daran, dass Deutschlands Soldaten am Hindukusch stehen. Warum sollte der Feind nicht auch das Heimatland dieser Soldaten angreifen? Nach dem Motto: Wenn ihr Kundus bombardiert, dann dürfen wir auch ein Bombe in Berlin zünden? Deutschland erwachte im Geist der Hysterie.

Nun erschießt Arid U. am Frankfurter Flughafen US-Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehren. Er sagt, er wollte sich rächen. Afghanistan? War da was? Hat das was mit uns zu tun? Keine Antwort, nur die Stille nach dem Schuss. Was wohl denken die deutschen Soldaten, wenn amerikanische Kameraden erschossen werden, mitten in Deutschland? Auch sie kommen auf deutschen Flughäfen an. Doch keiner fragt sie. Denn Deutschland hat sich wieder abgenabelt von der Welt. Es dämmert vor sich hin, betäubt vom Chloroform seiner eigenen Provinzialität.