ZEIT: Sie selbst schreiben in Ihrem Buch Der Untergang der islamischen Welt, der Islam passe nicht in die Moderne.

Abdel-Samad : Ich habe ja nichts gegen kontroverse Meinungen, einen produktiven Islamstreit in Deutschland würde ich sehr begrüßen. Aber den sehe ich nirgends, ich sehe nur Ängste, Ressentiments, aus denen neue Ängste und Ressentiments entstehen. Und das macht mir Sorgen.

ZEIT: Kann man sagen, dass die heutige Islamophobie den alten Antisemitismus abgelöst hat?

Broder: Zuerst einmal sollte man die Begriffe auseinanderhalten. Hamed hat schon darauf hingewiesen: Der Islamophobiker mag krankhaft und übersteigert reagieren, aber er hat Gründe für seine Angst; das ist beim Antisemitismus anders. Der deutsche Islamophobiker ist da aber wieder ein Sonderfall: Er hat gerne Angst, für ihn liegt darin ein Genuss.

Abdel-Samad: Das ist der Punkt: Die deutsche Angst ist oft irrational. Im Unterschied zur jüdischen Paranoia, unter der mein Freund Broder ja extrem leidet, speist sie sich nicht immer aus einer konkreten historischen Erfahrung.

Broder: Ich bin nicht paranoid. Ich bin ja wohl das beste Beispiel dafür, dass man dieser Opferrolle entkommen kann. Ich würde sogar sagen, der Holocaust hat mich stark gemacht, weil ich weiß, das, was der Generation meiner Eltern widerfahren ist, passiert mir nicht.

Abel-Samad : Ich will auf was anderes hinaus und denke, dass du mir da folgen kannst: Die deutsche Angst ist eine Angst vor Veränderung. Hier ist so lange nichts passiert, dass die Menschen die statische Gesellschaft für das Maß aller Dinge halten.

Broder: Da geh ich mit. Das ist auch meine einzige Kritik an Thilo Sarrazin , dass er auf dieser Panikwelle mitschwimmt. Deutschland schafft sich ab. Na und? Gesellschaften schaffen sich öfter mal ab und nicht zwangsläufig zu ihrem Nachteil. Deutschland hat sich sogar schon mal völlig aufgelöst, am 8. Mai 1945, und darüber sind wir heute alle froh.

ZEIT: Ihnen zufolge muss der Kalte Krieg für die Deutschen ja ein Idealzustand gewesen sein: zwei extrem statische deutsche Gesellschaften und vier Siegermächte, die darüber wachten, dass das auch so blieb.

Abdel-Samad : Ich kannte Deutschland zu Mauerzeiten nicht. Aber mir ist schon oft aufgefallen, dass die Deutschen sich bis heute nicht richtig über die Wiedervereinigung freuen. Sie hat in ihrer Wahrnehmung nur Probleme geschaffen. Seit 1990 fürchten die Deutschen sich vor der Zukunft. Wenn Sie das einem Ägypter erzählen, der hält Sie für verrückt.

ZEIT: Aus deutscher Sicht haben auch die Ägypter gute Gründe, sich vor der Zukunft zu fürchten, es ist im Moment überhaupt nicht klar, in welche Richtung das Land sich entwickelt.

Abdel-Samad: Aber so denken sie nicht. Die Ägypter sind froh, dass sich überhaupt etwas entwickelt im Land. Das ist der große Unterschied. Junge Ägypter haben ihr Leben bei den Demonstrationen riskiert, um frei zu leben. Im Gegensatz zu den Deutschen haben sie nichts zu verlieren.

ZEIT: Sie gehörten als junger Mann zu den Muslimbrüdern. Deren Visionen von einem neuen Ägypten klingen nicht nur nach Demokratie. Macht Ihnen das gar keine Sorgen?

Abdel-Samad: Ich mach mir wegen der Muslimbrüder im Moment am wenigsten Sorgen. Wichtig ist die Haltung der Mehrheit der Ägypter, die keinen Gottesstaat wollen. In Ägypten ist eine Mauer der Angst und eine Mauer der starren Autoritäten gefallen. Das sind gute Nachrichten. Und wie reagieren die Deutschen darauf? Meistens mit Sorgen und Bedenken. Die Ägypter nutzten Facebook, um den eigenen Präsidenten loszuwerden, und die Deutschen, um ihren Verteidigungsminister zu behalten. Das macht den Unterschied aus!

Das Gespräch führte Stefanie Flamm

Von Hamed Abdel-Samad und Henryk M. Broder erschien "Entweder Broder. Die Deutschlandsafari" als Buch zur ARD-Serie (Randomhouse 2010)