DIE ZEIT: Herr Peymann, Herr Voss, Sie arbeiten nach einer langen Zeit der Funkstille und des Streits wieder miteinander: Sie haben Thomas Bernhards Stück um einen einsamen alten Schauspieler, Einfach kompliziert , gemeinsam erarbeitet. Viele Leute dachten, Sie würden nie wieder zusammenfinden.

Gert Voss: Ich war wahnsinnig wütend auf Claus Peymann. Ich fand einiges unmöglich, was er getan und über mich gesagt hatte. Andererseits schätze ich ihn auch sehr, seine Fantasie, seinen Humor und seine Fähigkeit, Texte zu hinterfragen, durchsichtig zu machen. Wir konnten sofort wieder über die gleichen Dinge lachen. Und die Verletzung, die Wut für einen Augenblick, das gehört zum Theater, dort gibt es nur Augenblicke, nichts bleibt oder ist perfekt. Auch in der Arbeit mit Peter Zadek könnte ich Verletzungen aufzählen, wo ich dachte: Das reicht jetzt.

ZEIT:Zadek hatte Ihnen am Ende vorgeworfen, Sie hätten einen Mordanschlag auf ihn verübt.

Voss: Na ja, ein schöner Beweis für unsere empfindsame Fantasie. Während der Probe zu Strindbergs Totentanz stieß ich einen Tisch um, wohlgemerkt in meiner Rolle als Edgar im Streit mit seiner Frau. Ein schwerer Aschenbecher fiel von diesem Tisch in die erste Reihe, wo Zadek saß, was ich nicht wusste. Der Aschenbecher fiel auf den Sitz neben ihm. Er brach die Probe ab und sagte, du hast grade versucht mich zu töten. Die Proben wurden mehrere Tage unterbrochen, und Menschen von Hamburg bis Wien riefen lachend an, ob ich Zadek hätte ermorden wollen.

ZEIT: Wie hält man solche Situationen aus?

Voss: Ich halte sie gar nicht aus, umso mehr, weil Zadek der Regisseur war, dem ich unendlich viel verdanke. Später konnte ich über solche Kräche herzlich lachen, vor allem über die vielen schlaflosen Nächte und die Rachepläne, die ich in solchen Nächten geschmiedet habe.

Claus Peymann: Streit kann ein Grundstock sein.

ZEIT: Sie zetteln ihn an, um Zusammenhänge herzustellen?

Peymann: Zur Verfolgung des Ziels wird mit jedem Mittel gearbeitet. Es gibt eine berühmte Schauspielerin, mit der ich viel gearbeitet habe, Kirsten Dene. Ich behaupte, die Kirsten, sie braucht immer einen Krach. Selbst in einer der schönsten Produktionen meines Lebens, bei Ritter Dene Voss, gab es einmal ein schweißnasses Gebrüll mit ihr, und dann war der Damm gebrochen. Oder nehmen Sie den Regisseur George Tabori: Ich hab dir das nie erzählt, Gert, aber es gab ja mal das Gerücht, du hättest mit der Desdemona aus Taboris Othello- Inszenierung einen Flirt angefangen. Kannst du dich erinnern? Du warst empört: Das stimmt überhaupt nicht, Schweinerei! Weißt du, wer das Gerücht erfunden und in Umlauf gebracht hat? Das war der liebe George, dein Regisseur. Der hat es erfunden, damit du noch mehr Feuer spuckst.

Voss: So etwas kann auch ins Auge des Regisseurs gehen. Der Schauspieler merkt die Absicht und steigt aus.

ZEIT: Dann entstehen Probenkräche. Aber was passiert, wenn solche Kräche öffentlich werden?

Peymann: Der Krach, auch der öffentliche Krach, wird geführt voll theatralischem Hass, man will dem anderen an die Gurgel, aber natürlich ist man zugleich wahnsinnig enttäuscht und traurig. Selbst der furchtbarste Krach speist sich aus Verletzung, Trauer, Verzweiflung. Man wird immer wütender und aggressiver, weil man eben zugleich immer trauriger wird. Auch der Mord am Ehegatten beruht auf der größten Enttäuschung. Darum ist unter Umständen die Versöhnung auf den Wogen dieses Wissens viel leichter, sodass der Gert Voss und ich nach einer längeren, von Donner und Blitzen begleiteten Pause, relativ schnell wieder an einem Vertrauenspunkt waren.

ZEIT: Am Anfang hatten Sie, Herr Voss, es nicht einfach bei Peymann. Sie spielten in Stuttgart, es waren die siebziger Jahre, er war Ihr Intendant. Sie probten das neue Stück von Thomas Bernhard , Immanuel Kant, und Peymann gab Ihnen die Rolle eines Papageis zu sprechen…

Voss: Damals habe ich die Schauspieler beneidet, die mit Peymann ein Stück von Bernhard machen durften. Als Peymann mir signalisierte, dass ich eine Rolle im neuen Bernhard-Stück spielen dürfe, war ich so stolz und sagte mir, jetzt gehörst du auch dazu. Dann las ich das Stück, und ich dachte, was für eine Frechheit! Außer ein paar Worten, die er wiederholte, machte der ausgestopfte Papagei keinen Mucks – er sollte von mir hinter einer Wand nur akustisch gedoubelt werden.