Von dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar stammt die Geschichte über den Mann, der jede Nacht ein Kaninchen aushustet. Ja, wirklich: Immer wenn der Mann gehustet hat, zappelt auf der Hand, die er sich vor den Mund hielt, ein süßes, kleines Kaninchen. Schon nach kurzer Zeit ist die Wohnung des Mannes voller Felltiere, und man ahnt, dass Cortázars Erzählung kein gutes Ende nimmt.

Ein wenig muss man bei dieser Geschichte an den Kinderbuchautor und Zeichner Janosch denken, der in Wahrheit Horst Eckert heißt. Janosch, Urheber von mehr als 300 Büchern, die in 40 Sprachen übersetzt worden sind, ist ein von seiner eigenen Schöpfung Verfolgter. Schon vor Jahren fluchte er auf seine Fans: "Die wollen immer weiter und immer wieder Geschichten von diesem dämlichen Bären. Der hängt mir schon zum Hals raus." Und seine allerberühmteste Kreatur hat er in der Süddeutschen Zeitung öffentlich vernichtet: "Scheiß Tigerente! Kitsch!"

Wenn man es genau nimmt, ist Janosch von zwei Seiten umstellt: Von den Dämonen seiner Kindheit und dem Wohlwollen seiner Gemeinde. Seine Kindheit in einer Bergarbeitersiedlung im oberschlesischen Hindenburg war geprägt von den Schlägen, dem Gebrüll und den Räuschen seines Vaters, eines Hüttenarbeiters. Diesem Grauen entkam er, so könnte man vulgärpsychologisch vermuten, mittelfristig durch die Erschaffung einer von liebenswerten Schwadroneuren und wolligen Schmusetieren bewohnten, zittrig zart gezeichneten Parallelwelt. Jedoch, er wurde auch zu ihrem Gefangenen. Seine Leser, die Erwachsenen vielleicht noch mehr als die Kinder, fanden diese Welt so schön, so ansteckend gesetzlos, dass sie sich um Janoschs andere Kunst, die Romane und Stücke für Erwachsene, wenig geschert haben und am liebsten immer in Janoschs Kinderwelt geblieben wären.

Janosch ist ihr schließlich entkommen: Seit 30 Jahren lebt er hauptsächlich auf Teneriffa, und von Kindern hielt er sich weitgehend fern. Hat er Kontakt zu ihnen, haben wir ihn mal gefragt. Und er: "Nö. Ich hab Kontakt mit mir. Das reicht."

Dass er von seiner gewaltigen Produktion nur geringen Ertrag habe, dass der Gewinn an ihm vorbei anderswohin sickere, ist ein Verdacht, den er beharrlich hegt: Für seine ersten sieben Bücher habe er gar nichts bekommen, der Verleger habe Schmu gemacht, erst ab dem dreißigsten Buch habe er vom Schreiben leben können. So ist er einerseits ein misstrauischer Grantler geworden (seine deutsche Seite), andererseits aber auch ein großer, aufs Materielle zumindest im Geiste verzichtender Weiser (seine spanische Seite): Wer ins Traumland wolle, hat Janosch gesagt, müsse es machen wie ein Fisch, der die Strömung nutzt; finden könne man es nicht. Und: Ein Ziel zu haben sei insgesamt Blödsinn. Viel klüger sei es, den Punkt, an dem man sich gerade befinde, zum Ziel zu erklären. Also denn: Am 11. März wird Janosch 80 Jahre alt.