Der sehr junge Grazer Autor Clemens J. Setz ist die jüngste Hoffnung der deutschen Gegenwartsliteratur. Man traut ihm viel zu. Diese Hoffnung nährt sich aus einem dicken Roman, der Die Frequenzen heißt, 2009 knapp den Deutschen Buchpreis verfehlt hat und sehr hochtourig, sehr kompliziert, sehr grundsätzlich von der abgrundtiefen Einsamkeit und Weltverlorenheit des begabten Kindes erzählt.

Clemens J. Setz ist achtundzwanzig Jahre alt, ist in Graz geboren, hat in Graz Mathematik und Germanistik studiert und lebt in Graz. In Interviews erzählt er davon, dass er einen Tinnitus im Ohr habe, einen hohen Dauerton, den nur er und niemand sonst auf der Welt hören könne. Wegen dieses Tinnitus habe er das Obertonsingen erlernt, und man kann ihm im Internet dabei zuhören, wie er laut und ein wenig unheimlich seine Obertöne gegen eine lange Wand schmettert. Leider, sagt er dann, habe er die Frequenz seines Ohrtons beim Obertonsingen noch nie getroffen. Und man ahnt sofort, welche Bedeutung und welche Weiterungen dieses Nichttreffen für seine Romane, die von der Einsamkeit begabter Kinder handeln, wohl haben wird.

Erzählungen von Clemens J. Setz - Radischs Lesetipp: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" Preisträger der Leipziger Buchmesse: Mit viel Poesie und einer reichhaltigen Sprache schafft Clemens J. Setz in seinen Erzählungen groteske Bilder, subtile Spannung und zärtliche Gesten

Seine beiden ersten Romane sind im Grazer Residenz Verlag erschienen, mit seinem ersten Erzählungsband mit dem aufregend unaufgeregten Titel Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes (normale Bücher heißen heute eher Shanghai Performance) hat ihn der Suhrkamp Verlag in seine Arme geschlossen. Der Band, was immer man im Einzelnen sonst noch von ihm halten mag, hält zumindest, was man von ihm erwartet: Er zieht die Perspektiven auf, öffnet die Bildränder, erhöht rasant die Geschwindigkeit und die Dichte pro Erzählmeter. Das ist an und für sich schon ein Erfolg. Dafür müssen einem die Geschichten noch nicht einmal gefallen.

Dazu taugen sie auch gar nicht. Sie sind sogar meistens ziemlich unangenehm. Sie handeln von verstoßenen Kindern, von Brutalität, Pornografie und Pest, von toten und eingesperrten Frauen, von zerstörten Ehen und sich selbst massakrierenden Schriftstellern. Sie sind böse, sie produzieren keinen ästhetisch-moralischen Genuss-Rest, nicht diesen süßen Rahm, den eine empfindsam erschütterte Kritik oben noch abschöpfen könnte. Diese Radikalität einer beinahe luftdicht abgepackten Verzweiflung gab es in der Literatur zuletzt in den Jahrzehnten, bevor Setz geboren wurde. Sie steckte in den Beckettschen Mülltonnen und den letzten Erzählungen und Stücken des alten Max Frisch. Es war das tiefe und namenlose Gefühl einer Lähmung und Endzeitlichkeit, das die siebziger und achtziger Jahre überschattet hat. Für Clemens Setz ist das eine ferne Geschichte. Er kennt den Horror Vacui vielmehr aus den Romanen seines amerikanischen Vorbildes, des im Jahr 2008 durch Selbstmord geendeten amerikanischen Genies David Foster Wallace. Auch er ein hochbegabtes Kind der universitären Paradiesgärten der Postmoderne.

Das Buch quillt beinahe über vor solchen mülltonnenartigen Endstationen: hoch im Himmel schwebenden Wohncontainern, glasüberdachten Planeten, Särgen, Käfigen, stinkenden Klos, Computerspielen, Kindergitterbetten. Es sind die bevorzugten Aufenthaltsorte eines jungen zeitgenössischen Autismus und zugleich die starken Bilder dieser Erzählungen. Die Insassen dieser Endzeitcontainer erfahren die wundersamsten Häutungen und Verwandlungen. Ein Jugendlicher wird im Spiel auf der Toilette eingeschlossen und gilt als verschwunden. Eine junge Frau kauft im Internet einen Menschenkäfig und lässt sich von ihrem Freund als Sklavin darin halten. Das Portemonnaie und die Geldscheine einer jungen Marketing-Angestellten bekommen Pestbeulen. Ein Professor, der in einer unglücklichen Ehe gefangen ist, befreit sich, indem er seinen Studentinnen mitteilt, was er in seinen kühnsten Träumen am liebsten mit ihnen treiben würde. Ein Lehrer, dessen Leben so langweilig ist "wie zusammengefaltete Socken", lässt sich von seiner Ehefrau scheiden, um danach mit ihr in pornografischen Leibesübungen neuen Lebensmut zu schöpfen. Ein Schriftsteller findet eine Frauenleiche in seiner Wohnung und drapiert sie unter seinen Schreibtisch. Ein anderer wedelt am offenen Sarg seiner toten Mutter mit seinen Manuskripten herum. Der Schriftsteller Setz wird in einer Art Marbacher Archiv neben seinem Vorlass in einem Gitterbett gefangen gehalten. Ein Mann lebt wie der kleine Prinz allein auf seinem kleinen Planeten, amüsiert sich beim Lesen alter Telefonbücher und bastelt sich einen elektronischen Gefährten.