Die Beschreibung war wenig schmeichelhaft. "Hühner, zweimal so groß wie Schwäne, abscheuliche Vögel", notierte der niederländische Admiral van Neck 1598 in sein Tagebuch, als er die plumpen Geschöpfe auf Mauritius sah. So viele müssen damals auf der Insel gelebt haben, dass der Admiral es sich bestimmt nicht hätte vorstellen können, dass die Vogelart schon hundert Jahre später ausgerottet sein würde. Und dass heute nicht viel mehr an den Dodo erinnert als die Kitschfiguren der Andenkenläden und ein Skelett in einer Vitrine.

Das Skelett steht in einem Raum des Naturkundemuseums von Port Louis, der Hauptstadt der Insel. An den Wänden alte Drucke, auf denen der Dodo zu sehen ist: ein truthahngroßes Geschöpf mit Stummelflügeln, Hakenschnabel und Echsenkrallen, ein ästhetischer Super-GAU.

Der Besucher ist ratlos, weil die Exponate wenig verraten. Und enttäuscht, weil das Personal kaum etwas weiß, das über Wikipedia-Wissen hinausgeht: flugunfähiger Vogel, lebte ausschließlich in den Urwäldern von Mauritius, gut 900 Kilometer östlich von Madagaskar. Von den Europäern und ihren mitgebrachten Haustieren ausgerottet.

Der Inselstaat Mauritius blickt lieber nach vorn als zurück in die Vergangenheit: In Port Louis, einem Setzbaukasten aus Büroklötzen und Häuserblocks, eingerahmt vom Ozean und steil aufragenden Bergen, geteilt durch eine mehrspurige Autobahn – in dieser Stadt ist die Welt des Dodos so weit weg wie die der europäischen Fremdherrschaft. An den Kolonialismus erinnern nur noch ein paar alte Gebäude: das Government House mit seinen dunklen Holzpaneelen etwa oder das Mauritius Institute mit seinen zweigeschossigen Bogengängen, in dessen erster Etage das Naturkundemuseum untergebracht ist. Der Rest der Stadt hat die Atmosphäre einer Boomtown. Große Reklamewände werben um das Vermögen potenzieller Kunden, die im Offshore-Paradies ihr Geld anlegen sollen.

Wer das Museum verlässt, um sich auf die Suche nach weiteren Spuren des Dodos zu machen, erreicht nach einem kurzen Spaziergang Le Caudan Waterfront – die größte Shoppingmall der Insel. An der Kasse des Kinos stehen Einheimische aus dem Hindu-Teil der Bevölkerung für einen Bollywood-Film an. In einem Handwerkermarkt versuchen Händler, Dodo-Memorabilia an den Mann zu bringen. Der Vogel ziert Hunderte Bettvorleger, vielleicht sind es auch Strandtücher, es gibt Berge von Kaffeetassen, Plastik-, Holz- und Granitfiguren in allen Größen und Farben, auf einem riesigen Wandteppich sieht der Vogel wie eine Art schwangerer Farbeimer mit Flügeln aus. Nur der Supermarkt nebenan verkauft ein seriöses Werk über den auch Dronte genannten Vogel: ein Kinderbuch, übersetzt in sieben Sprachen, das von der Suche eines Jungen nach der ausgestorbenen Art erzählt.