"Haben Sie die Butterbrezen dabei?" Krächzend bahnt sich die Frage den Weg aus der Sprechanlage. Auf die bejahende Antwort folgt ein vergnügtes "Dann lassen wir Sie auch rein". Mit einem Summton öffnet sich das Tor zum Schloss, und nach dem Gang über die Brücke, welche über den verschneiten Schlossgraben führt, steht Ernst Prost ein paar Treppen hoch im Eingang. Birkenstock-Schlappen, Jeans, grob gestrickter grauer Pulli, Dreitagebart. Er hat sich an diesem Morgen Butterbrezen gewünscht und das Wort "Schlossherr" auf den Index gesetzt.

Tatsächlich wäre kein Ausdruck unpassender für diesen 54-jährigen Schwaben – trotz der mittelalterlichen Burganlage in Leipheim. Wie anno dazumal Pech und Schwefel auf die Feinde ergießt sich in den nächsten zwei Stunden aus diesem Gemäuer heraus eine Tirade auf das "Großkapital", alle möglichen "Fuzzis", "dumme und geldgierige Unternehmer", Vorstandsvorsitzende, die "Blut an den Händen haben", Politiker im Allgemeinen und die FDP im Besonderen. Kaum einer kommt ungeschoren davon.

Dabei ist Prost Unternehmer. Aber ein "anständiger" . Sagt er. Er sagt es oft. Er hat, sich hoher Einschaltquoten gewiss, der Öffentlichkeit vor und nach der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin am Silvesterabend im ZDF verkündet, dass sein Unternehmen, der Ulmer Schmierstoffehersteller Liqui Moly, nur in Deutschland produziert, hier artig seine Steuern zahlt und junge Leute ausbildet. Um so viel Anständigkeit zu belohnen, sollten die Leute doch bitte seine Produkte kaufen. Von Februar bis Mai erhöht Prost die Schlagzahl. Drei Millionen Euro hat er nach eigenen Angaben bezahlt für 110 Spots zur besten Fernsehnachrichtenzeit. Wie bereits im vergangenen Jahr.

"Personalkosten? Da lang i net no", sagt er

Der Gewinn fiel 2010 von 15 auf 10 Millionen Euro; vor allem wegen der gestiegenen Rohstoffpreise – und weil Prost den Gewinn für "die einzig opferbare Größe" hält. "Personalkosten? Da lang i net no", sagt er in breitem Schwäbisch. Auf Hochdeutsch: unantastbar. "Das steht zwar nicht so im Lehrbuch für Betriebswirtschaft, auch nicht im Lehrbuch für den kleinen Kapitalisten. I zwick halt die Arschbacke zam und hab dann weniger Gewinn."

"Mitunternehmer" nennt Prost die rund 500 Beschäftigten in Ulm und Saarlouis, wo er 2006 die Meguin Mineralölwerke übernahm. "Es ist einfach nur eine dumme, antiquierte Betrachtung, zu sagen: Ich bin der Arbeitgeber, ich gebe den Menschen Arbeit, und die Menschen nehmen dann die Arbeit. Die Menschen geben mir ihre Leistung, und ich nehme die Leistung. Das muss man dann auch dankbar hinnehmen und honorieren."

Man sollte meinen, so ein Unternehmer sei der Traum aller Gewerkschafter. Doch weit gefehlt. Als die Tarifverhandlungen für die Chemieindustrie voriges Jahr nicht über eine Einmalzahlung hinauskamen und Prost daraufhin die Löhne für seine Leute pauschal um 2,5 Prozent erhöhte, erntete er Kritik. Dass er "nicht ausscheren" sollte, so lautet seine eigene Darstellung. Die Gewerkschaft stört hingegen etwas ganz anderes: Der Liqui-Moly-Chef verschließe sich dem Tarifverband, mache dem Betriebsrat das Leben schwer und verdonnere die Mitarbeiter zu Stillschweigen über ihr individuell ausgehandeltes Einkommen. Um bis zu 20 Prozent liege das Gehaltsniveau unter den Branchentarifen. "Da kann ich leicht herumtönen, was für ein toller Chef ich bin und dass ich 2,5 Prozent mehr bezahle", sagt einer, der nicht genannt werden will.

 Talkshow-Hopping

Prost bestreitet derlei Vorwürfe, von denen auch nie die Rede war, wenn er in den vergangenen Monaten von einer Talkshow zur nächsten weitergereicht wurde. Seine Fernsehspots, von Werbetreibenden belächelt, aber ein Renner bei den Zuschauern, die ihn mit Zuschriften überhäufen, heben ihn heraus aus dem Einheitsbrei von Firmenchefs. Da ist einer, der einsteht für seine Leute und sein Land, einer wie du und ich, der auch noch so nett Schwäbisch schwätzt.

Wolfgang Grupp von Trigema mit seinem sprechenden Schimpansen war ein ähnlicher Erfolg, ehe sein Hang zu Patriarchat und aufwendigem Lebensstil einen Teil seines Charmes minderte. Prost braucht keinen Affen. Wenn er sich in Fahrt redet über " die Reichen, die immer reicher werden ", und fordert, die Spitzensteuersätze anzuheben – "um zehn Prozent, das geht in Ordnung" – sowie die Vermögensteuer wieder einzuführen , weil "dem Staat das Geld fehlt, wir haben ein Elend, dass der Sau graust", dann sind Zuschauer wie Moderatoren hingerissen von dieser seltenen Spezies Unternehmer. Er redet ohne Punkt und Komma, selbst ein Harald Schmidt saß vor seinem Gast wie das Kaninchen vor der Schlange.

Soll bloß keiner auf die Idee kommen, all diese Sprüche passten womöglich gut in sein Marketing-Konzept. Da wird Prost leicht ungehalten. "Lassen Sie uns das bitte mal auseinanderhalten", sagt er streng. "Das mag ja sein, dass die Leute das gerne hören. Aber darum sage ich es nicht."

Gut, die Sache mit dem Boykott von BP nach der Ölpest im Golf von Mexiko, die sei "natürlich wirkungslos". Dass die Konkurrenz, von der er nun die Rohstoffe für die Liqui-Moly-Produkte bezieht, kaum besser und "Rohöl allgemein nicht so der Umwelthit ist, das ist mir schon klar". Trotzdem brachte die Presseabteilung Liqui Moly damit erfolgreich in die Schlagzeilen. Auch der oft zitierte Spruch, dass Prost eher sein Schloss verkaufen als einen seiner Mitarbeiter entlassen würde, sei "reine Symbolik. Wenn ich den Kasten hier verkaufe, da kommst du gerade eine Woche weiter. Aber die Symbolik war gut."

Mit seinen Ersparnissen und zwei Darlehen hat er die Firma gekauft

Der Chef sei "sehr menschlich, hilfsbereit, offen für die Probleme jedes Einzelnen, aber auch sehr zielstrebig und marketingbewusst", sagt Vertriebsleiter Günter Hiermaier. Die beiden kennen sich seit 30 Jahren, seit der gelernte Kfz-Mechaniker Prost im Vertrieb des Autopflegemittel-Herstellers Sonax in Neuburg an der Donau arbeitete und Hiermaier dort seine Lehre zum Industriekaufmann machte.

1990 wechselte Prost als Marketingleiter zu Liqui Moly. Acht Jahre später legte er seine Ersparnisse und zwei Existenzgründerdarlehen der KfW Bank zusammen und kaufte die Firma. Seither, sagt er stolz, könne er mit seinen Möglichkeiten mehr tun als andere. "Als Kfz-Mechaniker hätte mir keiner zugehört. Auch nicht als Marketing-Fuzzi. Aber als Unternehmer." Er erlebe "zurzeit eine enorme Entwicklung als Mensch", sinniert Prost. "Der Sozialromantiker, der Weltverbesserer, der Gerechtigkeitsapostel, der Narrische, der Wütende, das kommt jetzt alles durch bei mir."

Die Gutmenschen-Attitüde im Extra-Vorratspack kann – wenn sie über die Sequenz einer Talkshow oder eines Werbespots hinausgeht – ein Unwohlsein verursachen wie nach dem Genuss eines allzu üppigen Stücks Buttercremetorte. Aber Prost als Lightversion gibt es nicht. Tatsächlich belässt er es nicht bei Phrasendrescherei. Angefangen bei Kleinkrediten, die er klammen Mitarbeitern gewährt, über Spenden an bedürftige Familien, die ihn im Fernsehen sehen und um Hilfe bitten, bis hin zu der mit einer halben Million Euro aus seinem Privatvermögen ausgestatteten Stiftung, die er zum Jahreswechsel für "unverschuldet in Not geratene Menschen" gründete, will er "endlich etwas Gescheites tun". Nur soll ihm dabei bitte niemand reinreden, kein Unternehmerverband, keine Gewerkschaft, kein Pfarrer, kein Lehrer, kein Bürgermeister, keine der Autoritäten, mit denen er "immer schon Probleme hatte". Er ist der Boss.

Endlich etwas Gescheites tun

Prost wurde im bayerischen Wallfahrtsort Altötting geboren. Sein Vater war Maurer, die Mutter eine Vertriebene aus der Batschka, einem Gebiet, das heute teils zu Serbien, teils zu Ungarn gehört. Die Familie lebte in einer Sozialwohnung. "Ich wollte raus aus dem Dreck", sagt er. "Ich wollte auf das Gymnasium gehen. Das ging nicht, weil es keine Lehrmittelfreiheit gab." Heute ist er Millionär und hält es für "einen Glücksfall, dass ich das kennengelernt habe: Armut." Wenn er ihr irgendwo begegnet, will er sie bekämpfen. Dass Liqui Moly einen Standort in Rostock erhält, hat nur zum Teil logistische Gründe. Seine Lebensgefährtin stammt aus Eisenhüttenstadt, sie habe ihm die Augen für die Not in den östlichen Bundesländern geöffnet.

Dass er in einem Schloss mit 1000 Quadratmeter Wohnfläche lebt, hält Prost für keinen Widerspruch. Die Stadt Leipheim sei froh gewesen, dass er ihr den maroden Bau für 360.000 Euro abgekauft und ihn für zwei Millionen Euro saniert habe. "Jetzt ist es wieder das Wahrzeichen, das es einmal war."

Seinem 18-jährigen Sohn Benjamin aus einer früheren Beziehung, dem für die Besuche beim Vater ein Reich im Obergeschoss zur Verfügung steht, versucht er den Sinn für Bescheidenheit zu vermitteln. Deshalb sei er "gar nicht unglücklich, wenn der jetzt zur Bundeswehr geht. Der muss Dreck fressen können und sich net da ins gemachte Nest hocken".

Daraus, dass er zuweilen über das Ziel hinausschießt, macht Prost keinen Hehl. Schloss Leipheim ist vollgerümpelt mit Kunst und Krempel. Mehr als hundert Statuen eines befreundeten Bildhauers stehen neben einer Massai-Figur aus dem Kaufhaus, mannshohen Mineralienblöcken, einer teuren Musikanlage und tausenderlei Nippes. Bilder einer Malerin, "die gelegentlich Geld braucht", hängen neben denen eines Bastlers, der aus Muscheln von seinen Strandspaziergängen Mosaiken klebt. Was im Schloss keinen Platz mehr findet, bringt Prost mit in die Firma. Im Eingangsbereich und in der Produktionshalle hängen riesige Plakate. Liebe, Würde, Fürsorge, Vertrauen, Hoffnung sind einige der daraufgedruckten Werte, die Prost hier hochhalten möchte. Der Mann hat eine Mission. Schmierstoffe verkauft er nur als Nebenprodukt.