Die Sonne steht schon tief über den fahlgrünen Akazien der Savanne, als wir ihn endlich entdecken. Er verbirgt sich im hohen Gras, fast unsichtbar – es sei denn, man weiß, wonach man sucht. Der strenge Geruch von Nashornkot hat uns auf seine Spur gebracht. Richard, der Ranger, parkt den offenen Landrover am Rand der staubigen Straße und greift nach dem Gewehr, ohne das er niemals den Busch betritt. Er schiebt das Grasbüschel beiseite und steht vor ihm. Ein majestätischer Anblick. Der Nashornkäfer. 

Na gut, streichen wir "majestätisch", das übersteigt die Möglichkeiten des Käfers, er ist ja nur zwei Zentimeter groß. Aber er macht was her mit seinem schwarzen Panzer, der glänzt wie frisch polierte Sonntagsschuhe. Das Hörnchen auf seinem Kopf hat die Größe eines Rosendorns. Es dient ihm zum Kampf gegen Rivalen, ganz wie beim großen Namensvetter. Und noch etwas weniger Vorzeigbares verbindet die beiden Tiere: Kot. Als Mistkäfer ernährt sich der afrikanische Nashornkäfer nämlich gern von den Exkrementen großer Pflanzenfresser, denen von Elefanten zum Beispiel – oder eben Rhinozerossen. Und genau da sitzt er jetzt gerade, in einem frischen, stinkenden Haufen.

Aber im Busch darf man keine Schwäche zeigen. Richard bückt sich und fasst mittenrein. Erwischt! Der Käfer erkennt richtig, dass ein Hornangriff hier nicht das Mittel der Wahl ist. Er winkelt steif die Beinchen an und stellt sich tot. Ein bisschen enttäuschend, dieser Auftritt. Das Insekt lässt jede Übung im Umgang mit Touristen vermissen. Egal, ein Häkchen auf die Liste: wieder einen der Small Five gestellt.

An dieser Stelle ist vielleicht eine Erklärung angebracht. Wir sind auf Safari in Südafrika, bloß nicht so, wie man das kennt. Afrikatouristen interessieren sich ja vor allem für Löwen, Leoparden, Elefanten, Büffel und Rhinozerosse – eben die Big Five. Die heißen nicht so, weil sie besonders groß wären, besonders schön oder überaus selten. Es sind einfach die fünf Tiere, vor denen die Jäger in Afrikas Kolonialzeit den meisten Respekt hatten, weil sie angeschossen nicht einfach umkippten, sondern auf den Schützen losgingen. Diese Zeiten liegen weit zurück. Im Sabi-Sabi-Reservat wurde seit seiner Gründung vor 30 Jahren kein Tier mutwillig erschossen. Aber ganz frei sind die heutigen Fotosafaris nicht von den Resten des alten Machismo. Große Raubtiere will man sehen, am liebsten auf Beutezug. Ersatzweise wird dann auch schon mal der Kadaver einer erlegten Gazelle angestarrt wie das Urbild elementarer Kraft.