Die Japaner und die Deutschen – sie waren Anfang des 20. Jahrhunderts zerstörte wie zerstörerische Nationen. Und wie der Zufall so spielt, ereigneten sich zwei große Traumata der beiden Länder im Jahr 1923. In Deutschland war es die Inflation, die damals den Wohlstand des Landes zerstörte; in Japan war es das Erdbeben, das die Hauptinsel Honshu heimsuchte, 142800 Menschen das Leben kostete und die Hafenstadt Yokohama sowie große Teile Tokyos vernichtete. Hunderte von kleineren Beben haben seitdem die Erinnerung an diese Katastrophe wachgehalten.

Auf einer von vielen Reisen nach Japan in den vergangenen 50 Jahren fiel mir 1977 die englische Übersetzung eines Romans des preisgekrönten Schriftstellers Sakyo Komatsu in die Hände: Nippon ChinbotsuWenn Japan versinkt. Der Thriller ließ einem das Blut in den Adern gerinnen. Binnen Kurzem wurden davon zwei Millionen Exemplare verkauft; die Filmversion war ein Kassenmagnet sondergleichen. Und gewiss nicht nur, weil hier ein raffinierter Schriftsteller mit kalter wissenschaftlicher Präzision ein modernes Gräuelmärchen erzählte. Komatsu rührte an die Urängste der Japaner.

Eine Ausgabe von "Japan Sinks"

Die Handlung des Romans wirkt nach dem Megabeben vom 11. März beklemmend realistisch: Ein einsames Fischerboot wirft für die Nacht vor einem namenlosen südjapanischen Inselchen Anker. Am nächsten Morgen reiben sich die Fischer entsetzt die Augen: Das Eiland ist spurlos verschwunden, untergegangen. Der meteorologische Dienst entsendet ein Forschungsschiff, um dem Vorfall nachzuspüren. Was zunächst nur ein lachhafter Verdacht ist, verdichtet sich zusehends zur grauenvollen Gewissheit: Das Versinken des Atolls ist der Anfang vom Ende Japans überhaupt.

Binnen wenig mehr als einem Jahr rutscht die ganze japanische Inselgruppe, von Erdbeben und Vulkanausbrüchen erschüttert, von kataklysmischen Verwerfungen und todbringenden Springfluten verwüstet, unaufhaltsam in den Pazifischen Graben ab. Die Erdkruste birst unter dem Archipel, das Land kippt buchstäblich ins Magma. Vierzig Millionen Japaner kommen in der Katastrophe um, siebzig Millionen werden evakuiert und in aller Herren Länder zerstreut.

Onodera, der Held der Geschichte, fragt seine Frau, mit der er per Schiff geflüchtet ist:

"Japan – ist es untergegangen?"

Sie blickte zögernd zum Bullauge hinaus.

"Kannst Du Japan sehen?"

"Nein."

"Es muss versunken sein. Kannst Du auch keinen Rauch sehen?"

"Ich kann überhaupt nichts sehen..."

So schließt Komatsus Roman, der seinen Ruf als einer der führenden Science-Fiction-Autoren des Landes festigte.

"Die Japaner meinen heute, am Ende aller Sicherheit zu sein, am Ende aller Geborgenheit", schrieb ich 1977. "Es ist nur ein Roman", schloss ich damals meinen Bericht. "Aber selten hat ein Roman den labilen Seelenzustand eines Volkes so getreulich widergespiegelt, seine geheimsten Ängste und Komplexe und Frustrationen."

Es wäre mehr als ein Wunder, wenn sie in der gegenwärtigen Katastrophe nicht aufs Schrecklichste belebt würden.