Rund 700.000 Kinder werden diesen Sommer in die erste Klasse eingeschult, und schon jetzt zeigt sich, welche Eltern gute Eltern sein werden. Und welche allenfalls als Eltern zweiter Klasse durchgehen.

Die guten Eltern nämlich haben nicht nur im Februar alles dafür getan, dass ihr Kind auf der bestmöglichen Schule unterkommt. Sie haben auch einen Samstagvormittag geopfert und sind auf eine "Schulranzenmesse" gefahren. Solche Verkaufsausstellungen werden mittlerweile in ganz Deutschland abgehalten.

Schon kurz nach neun Uhr füllte sich vor einigen Wochen die große Halle eines Autohauses im schleswig-holsteinischen Ahrensburg mit Kindern und ihren Erziehungsberechtigten, gegen elf Uhr sind bereits ein paar Hundert Menschen versammelt. So eine Messe ist, zumal in Ahrensburg, ein toller Spaß für die gesamte Familie. Kaffee, Saft und Kuchen gibt es, die AOK zeigt, wie viel Zucker in einem Fruchtzwerg steckt, Englisch-, Frühlern- und Nachhilfeanbieter stellen sich vor, eine Musikschule, Kleidchen kann man kaufen und Immobilien auf Rügen. Vor allem aber das, was "Tornister", "Ranzen" oder anderswo auch "Schulpack" heißt: knallbunte, motivreiche Behältnisse, in denen Schulkinder ihre Bücher herumtragen.

Floral Butterfly, Fantasy, Sleeping Beauty, Scary Hands und Space Boom – die Auswahl an Designs scheint keine Grenze zu kennen. Die Motive allerdings wiederholen sich. Hier habe sich über die Jahre auch wenig verändert, sagt Wolfgang Braun, Markenmanager bei Scout, einem der verkaufsstärksten Hersteller in Deutschland. So stünden bei den Mädchen neben Prinzessinnen-Themen Pferde im Fokus, ob als Einhorn, Pegasus oder in der naturalistischen Darstellung. Jungs bevorzugten Rennwagen, Baukräne, Science-Fiction, Piraten. Und wer etwas anderes will? Dem bleiben Tierbabys, Delfine oder "Fröhliche Tupfen".

Gar nicht so einfach, hier ein Modell zu finden, das die Grundschulzeit überdauern kann. Denn ein Kind, das sich mit dem Hasen Felix einschulen lässt, wird spätestens in der dritten Klasse kapiert haben, dass der was für Babys ist. "Es kommt immer seltener vor, dass ein Kind mit einem einzigen Ranzen durch die Grundschulzeit geht", sagt Denise Ullrich, Projektleiterin bei dem auf Kinder und Jugendliche spezialisierten Marktforscher Iconkids. Und je nachdem, ob ein Schüler noch Feen und Tiermotive trägt oder sich schon an der Kultur der Jugendlichen orientiert, "kann man an den Ranzen erkennen, wie reif ein Kind ist".

Auf der Schulranzenmesse in Ahrensburg wollen die Mädchen keine Reife zeigen, sie wollen möglichst viele Applikationen, Glitzer und Gebamsel. Das 215 Euro teure limitierte Modell Pink Lady mit passender Federtasche, Sporttasche und Brustbeutel ist jetzt schon nicht mehr lieferbar. Rund 400 Ranzen hat Ingrid Runte, die Inhaberin eines Ahrensburger Spielwarenladens und Initiatorin der Veranstaltung, mitgebracht. Für einen Erwachsenen, der nicht zwischen Prinzessin Lillifee und Kampfschwadronen arbeitet, wirkt einer schlimmer als der andere. Bei den Mädchen, so der Eindruck, haben sich die Designer unter Drogeneinfluss an den Wandbildern türkischer Restaurants orientiert. Bei den Jungs soll es möglichst gefährlich sein. Dass die Hersteller darauf achten, dass die Motive "weder zu kitschig noch zu aggressiv sind", wie Scout-Manager Braun sagt, kann man als Elternteil nicht erkennen.

Und hier eröffnet sich der klassische Konflikt: Bei der Kaufentscheidung über die in der Regel zwischen 150 und 250 Euro teuren Modelle wollen die Eltern mitreden. Und die teilen nicht immer das Faible der Kinder für Einhörner in Barbieambiente oder alles plattmachende Kampfmaschinen. Eine Möglichkeit, ihre Kinder auszutricksen, haben die Eltern, wenn sie das Gewicht des Tornisters ins Spiel bringen, das sich je nach Modell zwischen 800 und 1330 Gramm bewegt. Ebenfalls ein gutes Argument sind Tragekomfort und Sicherheitsaspekt. Die DIN 58.124 ist die magische Zahlenfolge, die Ranzenhersteller im Munde führen, als wäre sie ein Wert an sich. Sie besagt, dass 20 Prozent des verwendeten Materials fluoreszierend sein müssen und zehn Prozent retroreflektiv. Und dass der Verschluss auch nach 4000-mal Auf- und Zumachen noch funktionieren muss. Den Ranzen so auszurichten, ist jedoch nur eine Empfehlung. Daran halten muss sich kein Hersteller. Für die Eltern mag die Norm dennoch mehr Sicherheit versprechen, ebenso wie das AGR-Siegel der "Aktion Gesunder Rücken", eines Ärzte- und Therapeutenverbandes, das einen ergonomisch optimalen Tornister verspricht. Einzig der Hersteller Samsonite darf diese Siegel an seine "Sammies" hängen.