Als ich die ersten Bilder von der japanischen Atomkatastrophe sah, musste ich an eine Episode in Akira Kurosawas Film Träume denken. Der Vulkan Fudschijama bricht aus, ein einzelner Mann rennt gegen den Strom einer Menschenmenge in Tokyo. Er erfährt, dass das benachbarte Atomkraftwerk auch explodiert ist – wohlgeordnet, ein Reaktor nach dem anderen. Plutonium, Cäsium, Strontium treten aus. Die Menschen fliehen, Endzeitstimmung. Ein Wissenschaftler ertränkt sich im Meer.

Nachdem ich dann mit meiner japanischen Übersetzerin telefoniert hatte, war mir klar: Geschichte wiederholt sich doch. Es war richtig, dass ich meinem Buch über Tschernobyl den Untertitel Chronik der Zukunft gegeben hatte. Als es Ende der neunziger Jahre herauskam, wurde mir oft gesagt: "Ach, so eine Reaktorkatastrophe passiert doch nur bei euch Russen, in der unzivilisierten Wildnis, wo die Technik uralt ist und sich sowieso niemand an die Sicherheitsstandards hält. Aber unsere Atomkraftwerke im Westen sind sicher."

Auf meiner Lesereise durch Japan hat man mir die schicken japanischen Atomkraftwerke gezeigt: neueste Technik, die Gebäude waren schön anzusehen. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es dort jemals zu einer nuklearen Katastrophe, einer Kernschmelze kommen würde.

Dennoch beschlich mich beim Anblick dieser eleganten Architektur ein merkwürdiges Gefühl. Warum, fragte ich mich, stehen die Atomkraftwerke so nahe am Meer? Ist das hier nicht Erdbebengebiet? Dass die Kraftwerke trotzdem genau dort gebaut wurden, daraus spricht die Haltung, auf der unsere moderne Welt basiert: dass der Mensch Herr über die Natur ist, dass er ihre Eruptionen vorhersehen kann.

Gleichzeitig erinnern die aktuellen Verlautbarungen an die Gorbatschow-Administration vor 25 Jahren. Zuerst hieß es: alles unter Kontrolle, keine Gefahr für Leib und Leben. Dann mussten die Menschen evakuiert werden, im Umkreis von 10, 20, 30 Kilometern, schließlich wurden Medikamente verteilt, Verhaltensregeln aufgestellt. Doch es gibt einen großen Unterschied: Die damalige Sowjetregierung hatte wirklich keine Ahnung. Sie lebte in der Illusion, es gäbe das gute und das böse Atom. Das eine käme im Krieg zum Einsatz und zerstörte Leben, das andere würde uns beim Aufbau der Zivilisation der Zukunft helfen.