Abidjan. Der weiße Helikopter knattert über die Lagune von Ebrié. Da unten liegt sie, die kleinste Republik der Welt. Sie ist noch winziger als der Vatikanstaat und besteht nur aus dem Hôtel du Golf, einem von Palmenhainen umgrünten Betonkasten. Es ist der Amtssitz von Alassane Ouattara, 69, dem Präsidenten der Elfenbeinküste. Der Mann wurde zwar rechtmäßig gewählt, er hat aber kein Land, kein Geld und nur wenig Macht. Seine Regierung wird international anerkannt, doch sie ist von der Außenwelt isoliert. Ouattara herrscht vorerst nur über 306 Zimmer. Die "République du Golf", so der Spott, ist nur über eine Luftbrücke der Vereinten Nationen zu erreichen, die ivorische Armee hat alle Zufahrtswege abgeriegelt.

Fünf Minuten zuvor konnte man aus dem UN-Hubschrauber die Présidence besichtigen, das eigentliche Machtzentrum des Landes. Dort, in der Wirtschaftsmetropole Abidjan, residiert Laurent Gbagbo, 65, der selbst ernannte Präsident. Er hat die Stichwahl am 28. November 2010 gegen Ouattara zwar klar verloren, aber das Ergebnis durch den Verfassungsrat zu seinen Gunsten umrechnen lassen. Der ehemalige Geschichtslehrer war der große, starke Mann im Land, und er will es bleiben – wie so viele Autokraten in Afrika.

Nun hat die Elfenbeinküste also zwei Präsidenten , einen, der sich durch einen kalten Staatsstreich ermächtigt hat, und einen, der demokratisch gewählt wurde und wie ein Kaiser ohne Kleider in einem Touristenhotel festsitzt.

Der Hubschrauber setzt neben dem Zelt auf, in dem Ouattara und seine Minister tagen, hinter Stacheldrahtverhau, Wachtürmen und Sandsackwällen. Im Schatten der Palmen dösen Soldaten aus Pakistan und Bangladesch. Sie gehören zur 11000 Mann starken UN-Truppe, die die belagerte Regierung schützen soll. Die lethargischen Blauhelme machen allerdings nicht den Eindruck, als würden sie im Verteidigungsfall ihr Leben aufs Spiel setzen.

Rezeption, Reisebüro, Kiosk, eine Filiale der Banque Atlantique, alles geschlossen. Dennoch geht es im Vestibül des Hotels geschäftig zu. Da flattern Minister, Berater, Bürogehilfen, Leibwächter, Kellner und jede Menge Wichtigtuer herum. Ein Mitarbeiter Ouattaras, der ein Gespräch mit dem Präsidenten in Aussicht stellt, eskortiert den Besuch durch eine Sicherheitsschleuse hinauf in den fünften Stock. Jeder Treppenaufgang, jeder Korridor, jede Etage wird von Männern in Kampfkluft bewacht.

Im Zimmer 582 hat Sidiki Konaté sein Büro aufgeschlagen, der Sprecher der Forces Nouvelles. Die Rebellen aus dem Norden haben von 2002 bis 2007 gegen Gbagbos Regierungsarmee gekämpft. Sie sind Ouattaras schlagkräftigste Verbündete, in ihrem Einflussgebiet wurde er mit überwältigender Mehrheit gewählt. Konaté spricht fließend Deutsch. "Ich habe in Frankfurt Politologie studiert, dann hat mich die Revolution in die Heimat zurückgerufen." Die Revolution gegen ein Räuberregime, das sein reiches Land – die Elfenbeinküste ist der größte Kakaoproduzent der Welt – hemmungslos plünderte. "Das Volk hatte gehofft, dass nach den Wahlen die Krise endlich vorbei ist, doch Gbagbo hat es betrogen." Man werde jetzt eine Massenbewegung organisieren und ihn aus dem Amt jagen. "Die Armee ist gespalten, nur die Generale halten bedingungslos zu Gbagbo", glaubt Konaté. "Hinter uns aber steht die ganze Welt, die Vereinten Nationen, Amerika, Frankreich, die Afrikanische Union."

Aber würde die Welt auch intervenieren, wenn Gbagbo zum Sturm auf die Hotel-Republik bliese ? Konaté tritt hinaus auf den kleinen Balkon und deutet auf eine imaginäre rote Linie. "Wenn er die überschreitet, greifen die Franzosen ein." Die ehemalige Kolonialmacht hat im Rahmen der Operation Einhorn kampfbereite Truppen in Côte d’Ivoire stationiert – zum Schutz von 13000 Landsleuten und 700 französischen Unternehmen. Vor der Küste kreuzen Kriegsschiffe aus Frankreich und den USA. Und im Hotel treiben sich 600 bewaffnete Rebellen herum. "Wir werden zurückschießen!", betont Konaté. "Wenn Gbagbo nicht geht, wäre das eine verheerende Niederlage für die Demokratie in ganz Afrika." 

Vom Balkon aus sieht man die imposante Skyline von Abidjan: Symbol einer modernen afrikanischen Großstadt und eines aufstrebenden Landes, das in der Ära des ersten Präsidenten Félix Houphouët-Boigny (führte das Land von 1960 bis 1993) zu den wohlhabendsten des Kontinents gehörte. Dass seine Nachfolge nie vernünftig geregelt wurde, gilt als Hauptursache des Niedergangs. Seit zwei Jahrzehnten läuft auf der politischen Bühne eine endlose Posse mit den immergleichen Schauspielern, die geradezu inzestuös verbandelt sind. Wie in einem Drama bekämpfen sie sich bis aufs Messer, um sich anschließend zu umarmen, wie das Beispiel Ouattara zeigt. Er bereicherte sich maßlos, als er unter Gründervater Houphouët-Boigny Premier war; seinen unbequemsten Widersacher Gbagbo ließ er damals ins Gefängnis werfen. Als dann Henri Konan Bédié regierte, wurde Ouattara selber verfolgt und eingesperrt. Derselbe Bédié ist heute sein geschätzter Bundesgenosse, er belegt die Hotelsuite A direkt neben Ouattara.