Die Stadt Hiroshima hat ein großes Loch: Mitten in der Stadt hat man die Fläche freigelassen, die durch den Atombombenabwurf verwüstet wurde – das Nichts in der Mitte. Doch ein Umdenken ist daraus nicht entstanden. Japan hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine frappierende Identifikation mit den USA vollzogen, eine Amerikanisierung wie wohl kein anderes Land in der Welt. Das fängt mit dem Eiswasser zur Mahlzeit an – statt des traditionellen grünen Tees – und endet bei der Kernenergie.

Modernisierung der Energiegewinnung war die Maxime, und das hieß: friedliche Nutzung der Kernenergie. Darauf hatten auch die deutschen Physiker in der Stunde null gesetzt. Ihre Niederlage im Wettlauf um die Wunderwaffe meinten sie in eine moralische Überlegenheit ummünzen zu können. Es lohnt, sich die Äußerungen Carl Friedrich von Weizsäckers in Farm Hall in Erinnerung zu rufen, wo die Alliierten die deutschen Kernphysiker interniert hatten: "Die friedliche Entwicklung der Uranmaschine wurde in Deutschland betrieben unter Hitler, während die Amerikaner und die Engländer diese grässliche Kriegswaffe entwickelten."

Doch war die friedliche Entwicklung jemals friedlich? Faktisch hat sich Deutschland – wie Japan – jahrzehntelang unter den Schirm amerikanischer Nuklearwaffen begeben. Doch wenn Schurkenstaaten nukleare Anlagen bauen, unterstellt man gleich nicht friedliche Absichten. Und warum? Weil man ahnt, dass diese Technologie als solche gewalttätig ist. Das scheint man auch bei uns zu spüren, denn die Nutzung der Kernenergie beruhte nie auf einem gesamtgesellschaftlichen Konsens und musste mit Polizeigewalt durchgesetzt werden.

Das kalkulierte Risiko. Etwa 20 Prozent der 443 KKWs weltweit stehen in Gebieten mit heftiger seismischer Aktivität. Auch viele der 62 Reaktoren, die im Bau sind, stehen auf unsicherem Grund. Vor allem China setzt weiterhin auf Atomkraft, um seine wachsende Industrie mit Energie zu versorgen – bis 2020 sollen die atomaren Kapazitäten verachtfacht werden.

Das Zerstörerische an der friedlichen Nutzung der Kernenergie, so warnte Hans Jonas, liegt in der Vernichtung von Lebensmöglichkeiten kommender Geschlechter. Heute bemerken wir mit Schrecken, dass wir diese kommenden Geschlechter selbst sind: Nicht nur in Russland – und nicht nur um Tschernobyl – sind riesige Landstriche unbewohnbar; auch bei uns definiert der atomare Müll Unorte und belastet uns mit Kosten, die die Investitionen in erneuerbare Energien übertreffen: Asse, Gorleben und Kernkraftruinen wie Kalkar nicht zu vergessen. Haushaltsplaner sprechen von Ewigkeitskosten.

Und Japan? Wie bei uns gibt es dort die sicherste Technologie, aber es ist eine Sicherheit unter definierten Randbedingungen, die kaum mit dem Unvorhersehbaren rechnet, mit der Natur, mit Krieg und Terror. Gewiss ist Fukushima ein menschheitsgeschichtlicher Einschnitt, und mag es in Deutschland auch ein Moratorium geben, so weiß Angela Merkel, dass sich die Wellen wieder legen und gesellschaftliche Tsunamis irgendwann verebben. Zu einem Umdenken wird es wieder nicht kommen.

Gernot Böhme ist emeritierter Professor für Philosophie an der TU Darmstadt