DIE ZEIT: Madame Deneuve, wollen Sie französische Staatspräsidentin werden?

Catherine Deneuve: Glauben Sie, ich hätte Chancen? Wie kommen Sie darauf?

ZEIT: Erst wurde Ihr Gesicht zum Vorbild für die Büste der französischen Nationalfigur Marianne, die in jedem Rathaus Ihres Landes steht. Und jetzt, am Ende Ihres neuen Films Das Schmuckstück, ziehen Sie aus, in die große Politik.

Deneuve: Nicht schlecht als Karriere, was? Ich als eine Art Mutter der Nation. Als eine Frau, die lernt, eine Fabrik zu leiten, und dann in die Politik geht. Besonders gefallen hat mir, dass diese Heldin es hinter ihrer harmlosen Hausfrauenfassade faustdick hinter den Ohren hat.

ZEIT: Am Anfang von Ozons Film joggen Sie im knallroten Trainingsanzug mit Tippelschrittchen durch einen idyllischen Wald und verfassen unschuldige Gedichte über rammelnde Kaninchen. Hat dieser Mut zur Selbstironie auch etwas mit einem bestimmten Lebensabschnitt zu tun?

Deneuve: Sie meinen, wenn man alt ist, kann man über sich selbst lachen?

ZEIT: Das habe ich nicht gesagt.

Deneuve: Aber gedacht?

ZEIT:Françoise Sagan hat mal gesagt: Bis vierzig lebt man im Schein. Danach pfeift man drauf.

Deneuve: Ein kluger Satz. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich eine Rolle wie Suzanne Pujol in Das Schmuckstück vor zwanzig, dreißig Jahren so hätte spielen können. Humor hatte ich immer. Aber ich weiß nicht, ob ich vor zwanzig Jahren diese Distanz zu mir selbst hätte entwickeln können. Für Komik muss man Abstand zu sich haben. Und die Komödien, die ich ansonsten während meiner Karriere gespielt habe, legten den Fokus eher auf Verführung. Gut, ich habe darauf geachtet, dass das Frauenbild nicht spießig oder konservativ war, und in der Komödie Belle Maman habe ich Ende der neunziger Jahre sogar eine Liebesbeziehung mit meinem Schwiegersohn, besonders ironisch oder subversiv waren diese Filme allerdings nicht.

ZEIT: Zu Beginn von François Ozons Komödie scheinen Sie dieses spießige Frauenbild perfekt zu erfüllen. Wie der Titel schon sagt: das Schmuckstück.

Deneuve: Glauben Sie mir, ich habe viele solche Frauen kennengelernt, die ihre Rolle erfüllen, wie man so sagt. Die Rolle der Hausfrau, die Rolle der Mutter, die Rolle der Köchin, der Freundin, der Liebhaberin. Diese Frauen reagieren auf die Männer, sie warten auf die Männer. Zumindest am Anfang von Das Schmuckstück führt meine Heldin Suzanne Pujol dieses rein reaktive Dasein. Es ist ein Leben als endlose Anpassungsleistung.

ZEIT: Von Fassaden wissen Sie ein Lied zu singen. Von einer Frau, die man als Schmuckstück behandelt, auch.

Deneuve: Oh ja, das Schmuckstück der Kinogeschichte. Darauf habe ich mich nie reduzieren lassen. So etwas konnten nur Leute sagen, die sich nicht fürs Kino interessieren.

ZEIT: Der Humor von François Ozons Film entsteht auch durch die Sprache. Tatsächlich sprechen Sie schneller als je zuvor auf der Leinwand. Vollbringt Ihre Heldin auf diese Art auch eine Verdrängungsleistung?

Deneuve: Sie überholt die Wirklichkeit beim Sprechen, weil sie sich wünscht, dass alles gut wird, dass sich alles einrenkt, dass alles funktioniert. Durch die schiere Geschwindigkeit verdrängt sie alles, was stören könnte. Wenn Sie sich ein wenig umschauen, werden Sie feststellen, dass es gar nicht so wenige Leute gibt, die nicht über "negative" Themen sprechen wollen. Na gut, dann spricht man eben über die Ferien, über die Kinder, über Mode.

ZEIT: Halten Sie es in einer solchen Gesellschaft aus?

Deneuve: Nein, die Gesellschaft solcher Leute deprimiert mich. Das Negative, die sogenannte Spielverderberei, die Kritik und Mäkelei bedeuten doch auch: Diskussion, Dissens. Und in der Verlängerung: eine politische Streitkultur. Harmoniesüchtig war ich nie. Die einzige Parallele zu Ozons Heldin Suzanne Pujol besteht für mich darin, dass auch ich im wirklichen Leben sehr schnell spreche.

ZEIT: Stimmt.

Deneuve: Ich führe meine Sätze nicht zu Ende.