DIE ZEIT: Auf der ersten Seite Ihres neuen Buches trifft man eine ältere Frau, die von ihrem Mann wegen eines kurvenreichen jungen Wesens verlassen wurde, nach – 30 Jahren Ehe?

Siri Hustvedt: So etwa 25, 30 Jahren ...

ZEIT: ... von jetzt auf sofort. Sind Männer wirklich so?

Hustvedt:(lacht) Nein. Natürlich nicht, das Buch will so etwas nicht sagen. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, auch Frauen verlassen ja Männer. Was es gibt, in den letzten zwanzig Jahren gab, sind viele Geschichten, die mir erzählt wurden, Geschichten von Paaren, die ich gut kannte, andere von Menschen, die ich nicht so gut kannte, es war immer derselbe Typ von Geschichten, der Klassiker von "Er sagte, er hole sich ein paar Zigaretten" und so weiter, das schien mir ein guter Ausgangspunkt für einen Roman.

ZEIT: Es ist die Begleitangst der bürgerlichen Ehe, Ihre Heldin Mia landet sogar kurzzeitig in der Psychiatrie. Und zum ersten Mal, nach einer ganzen Reihe von Romanen, ist diese Geschichte die erste, die Sie nicht aus einer Männerperspektive schreiben. Warum nicht?

Hustvedt: Ich habe zehn Jahre lang als Mann geschrieben, ich dachte, es sei jetzt Zeit, wieder als Frau zu schreiben.

ZEIT: Ausrede! Sie wollten vielleicht nur nicht Komplizin eines Ehemanns sein, der seine Frau so schnöde verlässt?

Hustvedt: Nein. Schon als ich Die Leiden eines Amerikaners schrieb, wusste ich, das nächste Buch wird eines aus der Perspektive einer Frau. Ich will einfach in jedem Buch etwas anderes versuchen als zuvor.

ZEIT: Sind Sie in der männlichen Perspektive an die Grenzen des Andersseins gestoßen?

Hustvedt: Fiktion zu schreiben bedeutet: der Andere sein. Das ist das Wesen der Einbildungskraft. Der Andere kann sich in vielerlei Weise darstellen. Eric, in meinem letzten Roman, war ein Psychiater und 47 Jahre alt, und Mia ist eben etwa 55 ...

ZEIT: Mia ist etwa 55 und eine Schriftstellerin aus Brooklyn wie Sie, und ihr entflohener Ehemann Boris ist wie Ihr Mann Paul Auster ein berühmter Intellektueller, Mia flieht nach der Entlassung aus der Psychiatrie an den Ort ihrer Kindheit, nach Minnesota, wo auch Sie aufgewachsen sind. Ihre Leser werden sich Sorgen machen ...

Hustvedt: Alle meine Bücher spielen an intimen Schauplätzen. Ich habe noch nie ein Buch geschrieben, das nicht in New York spielte oder in Minnesota, ich brauche die Visualisierung vertrauter Orte.

ZEIT: Das wären also die Begrenzungen auf Orte. Wie ist es mit den Begrenzungen der inneren Landschaft, wenn Sie aus der Perspektive eines Mannes schreiben?

Hustvedt: Es gibt keine. Es gibt keine Grenzen der Imagination. Als ich aus der Sicht eines Mannes schrieb, fühlte ich keinerlei Grenzen. Und noch nie hat jemand die Männlichkeit meiner Figuren in Zweifel gestellt. Warum auch? Wir alle werden von Männern und Frauen bewohnt. Sie sind in uns. Ganz zu schweigen davon, dass wir alle von einem Mann und einer Frau abstammen, wir tragen beide in uns.