DIE ZEIT: Frau Steinbacher, wenn man Ihr Buch Wie der Sex nach Deutschlandkam liest, schwankt man zwischen Grusel und Amüsement. Was hat Sie an dem Thema, an dieser Geschichte aus der Bundesrepublik der fünfziger Jahre, gereizt?

Sybille Steinbacher: Am Anfang standen die Fragen, was es mit der "sexuellen Revolution" auf sich hatte und welche Rolle die Pille dafür spielte – 1961 war sie in Westdeutschland als erstem europäischem Land eingeführt worden. Doch bei meinen Recherchen merkte ich, dass etwas anderes viel interessanter ist: Ich sah, dass über Sexualität oder "Sittlichkeit" nicht nur schon lange vor 1968 gestritten wurde, sondern dass die fünfziger und die späten vierziger Jahre die Zeit der großen Kämpfe zu diesem Thema waren.

ZEIT: Sie beschreiben den Aufstieg der Erotikunternehmerin Beate Uhse, die Diskussion über die berühmten amerikanischen Kinsey Reports und über Skandalfilme wie Die Sünderin mit Hildegard Knef und Das Schweigen von Ingmar Bergman. Eine wichtige Quelle sind dabei Gerichtsakten...

Steinbacher: Ja, die Justiz spielte eine entscheidende Rolle. Sie verhandelte im Falle von Anzeigen oder zeigte selbst an, wo gegen den "Schmutz- und Schund-Paragrafen" verstoßen wurde. Das ging durch alle Instanzen, landauf, landab. Zum Teil hatte das recht komische Auswüchse, etwa als drei Richter am Münchner Landgericht im überfüllten Saal den inkriminierten Erotikroman Fanny Hill abwechselnd vorlasen – von der ersten bis zur letzten Seite! Und doch war es die Justiz selbst, die den Sittlichkeitsdiskurs demontierte. Das Besondere ist ja, von den späten Vierzigern an, die Gleichzeitigkeit von Erotikboom und Sittlichkeitskampf. Dem entsprach der Gegensatz von rigidem Gesetz und einer sich allmählich lockernden Rechtsprechung. Die Justiz, die seit dem Kaiserreich davon überzeugt war, dass die sittliche Ordnung den Bestand der Kulturnation garantiere, entschied dann im Sommer 1969 mit einem Urteil des Bundesgerichtshofes, Fanny Hill sei kein unzüchtiges Buch und moralische Vorschriften seien nicht Sache der Justiz. Die Politik folgte später diesem Grundsatz – ein epochaler Wendepunkt.

ZEIT: Warum war der liberale Geist am Ende stärker als der reaktionäre?

Steinbacher: Die "Sittenwächter" der fünfziger Jahre waren eine sehr heterogene Gruppe, viele Geistliche der katholischen Kirche wie der berühmte Kölner Kardinal Frings zählten dazu, aber auch Wissenschaftler wie der Soziologe Helmut Schelsky. Gescheitert sind sie, weil ihre Forderungen und Vorstellungen so eklatant aus der Zeit fielen. Sie orientierten sich ja an den Werten des Kaiserreichs und wollten nach dem Zweiten Weltkrieg so etwas wie eine soziale Heilung durch sexualmoralische Sittlichkeit erreichen. Ihre Rhetorik von Verfall und Dekadenz erwies sich indes als vollkommen unglaubwürdig: Gerade die fünfziger Jahre waren weit entfernt von Niedergang und Auflösung, sondern eine Zeit des Aufschwungs und der politischen wie wirtschaftlichen Stabilität.

ZEIT: Dennoch war die Moralpolizei institutionell und personell besser ausgestattet als die Nazijäger...

Steinbacher: Allerdings! In der frühen Bundesrepublik wurden ehemalige NS-Verbrecher systematisch amnestiert, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. Zugleich institutionalisierte die Justiz ein großes bürokratisches Netz, um Ermittlungen gegen alle möglichen Leute einzuleiten, die angeblich die allgemeine Moral gefährdeten: Beate Uhse wurde mit Ermittlungsverfahren überzogen; zunächst wegen Wucher und Preistreiberei, dann aber wegen Unsittlichkeit. Ich denke, man geht nicht zu weit, wenn man sagt, dass hier ein eigenes Beschäftigungsfeld geschaffen wurde für ehemalige NS-Täter, die in den fünfziger Jahren in den Staatsdienst zurückkehrten.

ZEIT: Nazitäter als Sittenwächter?

Steinbacher: Genau diese Verbindung ist ja von den 68ern immer wieder gezogen worden. Das war keine Erfindung.