DIE ZEIT: Warum ist den Menschen in Iran bei den Protesten 2009 nicht gelungen, was Ägyptern und Tunesiern gelungen ist: ihre autokratischen Herrscher zu stürzen?

Shirin Ebadi : Der Unterschied zwischen Iran und Ägypten besteht darin, dass die Armee in Ägypten und Tunesien nicht bereit war, auf das eigene Volk zu schießen. Deswegen hatten die Demonstrationen Erfolg, ohne großes Blutvergießen. Das Regime in Iran hingegen konnte sich 2009 voll und ganz auf das Militär verlassen.

ZEIT : Sie meinen die Pasdaran, die Revolutionswächter?

Ebadi : Genau. Zusammen mit den Basidschi, den sogenannten Freiwilligen der Revolution, haben sie die Menschen mit allen Mitteln angegriffen. Deswegen konnten sich die Menschen mit ihren Forderungen nicht durchsetzen. Doch ich hoffe, dass auch die Pasdaran irgendwann verstehen werden, worin das Interesse des Volkes besteht. Ich glaube, dass sie es am Ende unterstützen werden, denn sie sind Teil des Volkes. Sie werden verstehen, dass man die Menschen nicht auf diese Weise behandeln kann.

ZEIT : Warum waren die Pasdaran bereit, auf das Volk zu schießen?

Ebadi : Aus wirtschaftlichem Interesse. Die gesamte Wirtschaft des Landes liegt in den Händen der Pasdaran. Auch die Erdölförderung und -produktion, die Kommunikation – einfach alles. Sie wollten ihre Pfründen schützen.

ZEIT : Aber die ägyptische Armee ist ebenfalls ein Staat im Staat und hat immense wirtschaftliche Interessen.

Ebadi : Stimmt, aber sie hat das Volk trotzdem unterstützt.

ZEIT : Wohl auch deswegen, weil sie von außen dazu gedrängt wurde. Die USA sind der Zahlmeister der ägyptischen Armee. Sie konnten auf Mubaraks Rücktritt drängen. Diese Möglichkeit der Einflussnahme haben die USA in Iran wohl nicht.

Ebadi : Iran ist isoliert. Es gibt zum Beispiel insgesamt vier Strafresolutionen gegen Iran wegen der Nuklearfrage. Die beschlossenen Sanktionen zielen unter anderem auch auf Kommandeure der Pasdaran. Viele von ihnen wissen, dass sie nirgendwo auf der Welt mehr hingehen können, wo sie vor juristischer Verfolgung sicher wären. Das ist auch ein Grund dafür, warum sie bleiben und um jeden Preis um die Macht kämpfen.

ZEIT : Haben die Sanktionen also dazu beigetragen, das Regime zu stabilisieren, weil sie seine Entschlossenheit verstärkt haben, sich an die Macht zu klammern?

Ebadi : Nein, das meine ich nicht. Wenn ein Diktator weiß, dass er irgendwohin flüchten kann, behält er diese Option im Auge. Der Tunesier Ben Ali ist schnell nach Saudi-Arabien geflüchtet. Mubarak sandte seine Familie nach England. Die Kommandeure der Pasdaran können nirgendwo hingehen.

ZEIT : Also sollte man ihnen einen Ausweg anbieten, um einen Wandel zu beschleunigen?

Ebadi : Nein, ich will auf keinen Fall sagen, dass man diese Leute von der Liste der Sanktionen streichen sollte. Im Gegenteil, man sollte sie noch härter bestrafen. Das eigentliche Ziel dabei ist die nachwachsende Generation von Kommandeuren. Sie müssen sich davor fürchten, ebenfalls auf diese Liste zu kommen. Dann besteht eine Chance, dass sie sich nicht so verhalten wie ihre Vorgänger.