DIE ZEIT: Sehen Sie einen japanischen Rufer in der Wüste, der zur Umkehr bewegen könnte?

Joachim Radkau : Die Atomenergie hat in Japan keine eigenen charismatischen Köpfe, keine großen theoretischen Geister wie Einstein, Bohr oder Heisenberg hervorgebracht, jene Genies, die öffentlich wirksam Hoffnung und Furcht repräsentieren, obwohl sie von den Details der Reaktortechnik gar nichts verstehen. Und so hat Japan auch keine großen Kritiker hervorgebracht, die nun das Umdenken verkörpern könnten. Als 1978 der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker auf Distanz zur Kernenergie ging, war die Branche verstört: Da ging ihr ein Halbgott verloren, obwohl er für die reale Entwicklung der Reaktoren belanglos war. Mit Max Weber denke ich, dass es ein paar charismatische Helden braucht, um Neues in der Weltgeschichte in Gang zu setzen. Für die Geschichte der Kernenergie gilt das sicher. Vermutlich auch für den endlichen Erfolg der Kernenergie-Kritiker.

ZEIT : Die wirklichen Helden arbeiten jetzt als Ingenieure und Arbeiter in den japanischen Katastrophenreaktoren unter Einsatz ihres Lebens daran, das Schlimmste einzudämmen . Bringt jede Gesellschaft solche Helden hervor?

Radkau : Mich empört heute am meisten, wie schäbig die Öffentlichkeit die todgeweihten Liquidatoren von Tschernobyl vergessen hat. Es ist kein Zufall, dass beim Schülerwettbewerb Geschichte das Thema "Helden" großen Anklang gefunden hat. Kriegshelden sollten diese Fantasien und dieses Bedürfnis nicht besetzen. Menschen aber wie diejenigen, die nun in den japanischen Reaktoren die Katastrophe einzuhegen versuchen, sind Helden, die wir ehren sollten.

ZEIT : Disziplin und Gelassenheit sind die angemessenen Umgangsformen mit der Kernenergie, so scheinen es uns jetzt die Bilder aus Japan zu zeigen. Was ist japanisch an dem, was wir sehen?

Radkau : Es gehört in Japan sicher zum guten Stil, vor ausländischen Kameras Gelassenheit zu zeigen . Als Historiker, der mehrmals in Japan war, kann ich allerdings mit pauschalen Auffassungen über "die Japaner" wenig anfangen. Seit der weltweiten ökologischen Revolution um 1970 regiert in Japan ein vielfältiges umweltpolitisches Auf und Ab.

ZEIT : Was ist japanisch an diesem Auf und Ab?

Radkau : Japan ist, ähnlich wie Deutschland, von einer Tradition der Naturverehrung geprägt, aber es gab in den siebziger Jahren merkwürdigerweise keine japanische Kernenergiekontroverse wie in Deutschland. Im elsässischen Fessenheim fand die erste Demonstration gegen die Kernkraft schon 1971 statt. Der breite gesellschaftliche Protest gegen die Kernkraft beginnt in Japan hingegen erst 1995 mit dem Störfall in einem Schnellen Brüter und dem Reaktorunfall in der Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura 1997.

ZEIT : Warum war die Skepsis gegenüber der Kernenergie in Japan zunächst schwach ausgeprägt?

Radkau : Das hat rationale Gründe: In Japan sind die Kohlevorkommen gering, die Vorstellung, von chinesischer Steinkohle abhängig zu sein, war für Japaner ein Horror, die Windkraft erschien im Land der Taifune nicht besonders attraktiv, und in den dicht besiedelten Tälern des Landes fehlt der Raum für Stauseen, um Wasserkraftwerke zu bauen. Insofern hatte im Wirtschaftswunderland Japan die Kernkraft ihren Reiz.

ZEIT : Merkwürdig, schließlich ist Japan das erste Land, das zum Opfer von Atomwaffen wurde. Warum hat Hiroshima nicht alsbald eine starke Antiatombewegung hervorgebracht?

Radkau : Die Verdrängung Hiroshimas erscheint verblüffend. In Tokyo habe ich auf der Suche nach einem Hiroshima-Mahnmal nur rein zufällig im Norden der Stadt ein halb verstecktes, unscheinbares Denkmal gefunden. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki haben das japanische Selbstgefühl tief verwundet. Aber sie haben keine lebhafte Abwehr gegen die zivile Nutzung der Kernenergie hervorgerufen. Das ist allerdings nicht so exotisch, wie es zunächst scheint. Auch in der Bundesrepublik ist zunächst die zivile Nutzung der Kernenergie trotz Hiroshima befürwortet worden. Das berühmte "Göttinger Manifest" der großen Physiker um Heisenberg von 1957 trat leidenschaftlich gegen eine atomare Bewaffnung ein und ebenso deutlich für die sogenannte friedliche Nutzung des Atoms. In der Atom-Euphorie der fünfziger Jahre entstand geradezu der Eindruck, als sei das ›friedliche Atom‹ ein Gegenmittel gegen die Atombombe.

ZEIT : Merkwürdig ist die Selbstverständlichkeit der Kernenergie in Japan doch aber auch aus dem Grund, dass Japan eine Erdbebenkultur ist und alle Risiken kennt.

Radkau : Dies ist umso rätselhafter, als die Erdbebengefahr von Anfang an prägend zur Anti-AKW-Bewegung gehörte: Die erste erfolgreiche Protestinitiative weltweit richtete sich gegen das Kraftwerksprojekt in der kalifornischen Bodega Bay, wo zuvor Hitchcocks Film Die Vögel gedreht wurde.

ZEIT : Jeder hatte die schöne Bucht so vor Augen.

Radkau : Aber die Naturschützer setzten sich mit ihren Landschaftsschutz-Argumenten nicht durch, erst das Argument der Erdbeben-Gefahr verfing bei der Atomkommission. Nicht zufällig: Das große Erdbeben von 1906, das San Francisco zerstörte, ist ein Urtrauma Kaliforniens.

ZEIT : Ist das Kanto-Erdbeben vom 1. September 1923 für Japan nicht ein ähnliches Urtrauma?

Radkau : Nein. Im japanischen Geschichtsbewusstsein ist dieses Kanto-Erdbeben vielmehr der Auftakt einer Erfolgsgeschichte. Die triumphierende Ikone von 1923 war das damals unweit des Kaiserpalastes frisch gebaute Hotel Imperial von Frank Lloyd Wright , das dem Beben standhielt, während das hölzerne Tokyo abbrannte. Danach wurde Japan Spitzenreiter in der Seismologie. Diese Erdbebenkultur fühlte sich aus Erfahrung bebensicher.