Es war das perfekte Bild für diese Ausstellung. 2005 widmete das Museum des kleinen südfranzösischen Städtchens Lodève den Malern Georges Braque und Émile-Othon Friesz eine Ausstellung, in der die Zusammenarbeit der beiden Künstler dokumentiert werden sollte. Kuratorin Maïthé Vallès-Bled konnte dafür mit einer Sensation aufwarten: einem völlig unbekannten Bild aus Privatbesitz, das Braque und Friesz zusammen gemalt hatten. Die beiden gehörten Anfang des 20. Jahrhunderts der Künstlergruppe der Fauves an, zu denen auch Henri Matisse, Raoul Dufy, André Derain und Kees van Dongen gezählt wurden. Paarweise unternahmen die Mitglieder der "Wilden" damals häufig gemeinsam Malausflüge, um sich gegenseitig zu inspirieren – und so waren auch Friesz und Braque im Juni 1906 gemeinsam nach Antwerpen gereist. Sie lebten und arbeiteten dort bis September zusammen, saßen am Hafen von Antwerpen und malten das Wasser, die Schiffe und die Kirchen in leuchtend bunten Farben. Die damals entstandenen Bilder hängen heute in großen privaten und öffentlichen Sammlungen. Einige waren 2005 auch in Lodève zu sehen.

Das wundersamste Bild in der dortigen Ausstellung war jedoch jene im Antwerpen-Sommer gemeinsam bemalte große Leinwand, auf der sich neben- und übereinander gleich neun kleine Hafenszenen von Friesz und Braque tummeln. "Souvenir de Anvers" steht in der Mitte der Leinwand, nach Art jener beliebten Postkarten, auf denen die Abbildungen gleich mehrerer Sehenswürdigkeiten zu sehen sind. Das kollaborativ entstandene Bild wirkte wie ein Vorgriff auf noch zu malende Meisterwerke – oder wie ein Inventar bereits geschaffener. Auf jeden Fall aber schien es sich um ein Schlüsselwerk dieser Künstlerfreundschaft zu handeln. Und es kam noch besser: Auf der Rückseite der Leinwand fand sich – wie ein gemalter Beleg für die Authentizität – ein Doppelbildnis der beiden Maler. So materialisierte sich in der beidseitig bemalten Leinwand die Essenz einer sich gegenseitig befruchtenden Künstlerfreundschaft. Das Bild war eine unerhörte, skurrile Sensation.

Sechs Jahre nach der Ausstellung in Lodève bleibt davon nun allerdings nichts mehr übrig. Denn auch dieses Gemälde trägt auf der Rückseite jenen inzwischen berüchtigten Aufkleber, der als Hauptbeweisstück in einem der mutmaßlich größten Kunstfälschungsskandale der Bundesrepublik gilt: das angebliche Sammlungsetikett des legendären Galeristen Alfred Flechtheim (1878 bis 1937), das dieser allerdings nie auf seine Bilder geklebt hat und mit dem stattdessen den kriminalpolizeilichen Ermittlungen zufolge eine Gruppe von Kunstfälschern über Jahre erfolgreich gefälschte Gemälde aus einer nie existierenden "Sammlung Jägers" nobilitieren wollte. Rund 80 Gemälde werden dieser Fälschungssammlung inzwischen zugeordnet. Viele davon tragen den Aufkleber mit dem grotesken Flechtheim-Porträt und wurden seit 1992 teilweise für Millionenbeträge etwa im Kölner Auktionshaus Lempertz, aber auch bei Christie’s und Sotheby’s in London und New York versteigert oder von berühmten Galerien und Kunsthändlern in Paris vermittelt (ZEIT Nr. 25/10). Heute befinden sie sich in prominenten Sammlungen wie der Hilti Collection, der Sammlung Würth und der Firmenkollektion des spanischen Telefonica-Konzerns.

Eigentlich sollten die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu diesem Fall von Kunstfälschung schon Ende 2010 abgeschlossen sein, doch immer wieder tun sich neue Spuren und neue Verdächtige auf. Inzwischen wird auch in Frankreich, Spanien, Großbritannien, der Schweiz und in Andorra ermittelt. Für die im vergangenen August festgenommenen Hauptverdächtigen – den Maler Wolfgang F.-B., dessen Gattin Helene B. und den Werber Otto S.-K. – hat ein Richter erst gerade die Untersuchungshaft um weitere drei Monate verlängert. Noch immer ist nicht vollständig aufgeklärt, wie viele Fälschungen letztendlich verkauft wurden – und wer alles an dem Geschäft mitgewirkt hat. Und an der kunsthistorischen Legende gestrickt hat, mit der die angeblich seit Jahrzehnten verschollenen Jägers-Bilder angeboten wurden: Bei Hausdurchsuchungen bei den Verdächtigen fanden sich neben Projektoren und Malutensilien auch zahlreiche Kunstkataloge, eine kleine, gut sortierte kunsthistorische Bibliothek. Hier fanden die oder der Fälscher wohl ihre Vorlagen, deren Bandbreite vom Kubismus, dem deutschen Expressionismus und den französischen Fauves über den Surrealismus bis zur Nachkriegskunst reichte.

Beim angeblichen Gemeinschaftswerk von Braque und Friesz allerdings ging der Fälscher nicht besonders sorgfältig vor. Für sieben der neun von beiden Künstlern in erstaunlich identischen Farben gemalten Bildchen lassen sich gar zu exakte Vorbilder finden. Für die mit "Othon Friesz" signierte kleine Landschaftsskizze oben rechts allerdings stammt diese Vorlage samt Landungssteg von Braque – und sie entstand nicht im Sommer im belgischen Antwerpen, sondern im Herbst des Jahres rund 1000 Kilometer südlich im französischen Mittelmeerort L’Estaque. Umgekehrt lieferte die Vorlage für die Hafenszene in der Mitte rechts – signiert mit Braques Namen – Othon Friesz, und das schon 1905. Selbst ohne diese chronologischen Schnitzer – Werke aus drei Jahren und von zwei weit voneinander entfernten Orten auf einer Leinwand – hätte das Gemeinschaftswerk schon 2005 in Lodève Fragen aufwerfen müssen. Bei der Kuratorin – vor allem aber bei den beiden Autoren des Werkverzeichnisses von Émile-Othon Friesz. Der Autor des Braque-Werkverzeichnisses hatte das Bild bereits 2001 für eine Fälschung erklärt.

Unter den Leihgebern der Ausstellung findet sich unter anderem der Name einer Pariser Galerie. Die Galerie Aittouarès am linken Seine-Ufer hat erstaunlich viele jener Künstler im Angebot, deren Werke sich auch in der angeblichen "Sammlung Jägers" fanden: André Lhote und Max Ernst, Raoul Dufy und André Derain, Fernand Leger und Kees van Dongen. Für Émile-Othon Friesz hat Odile Aittouarès sogar das Werkverzeichnis mit verfasst, ihr Vater Jean-François Aittouarès wiederum ist der Autor des Werkverzeichnisses von André Lhote – beide Kataloge erhalten auch mutmaßliche Fälschungen aus der angeblichen "Sammlung Jägers". Dokumente, die der ZEIT und dem Deutschlandfunk vorliegen, belegen außerdem, dass die mutmaßlichen Fälscher bereits seit mehr als einem Jahrzehnt Kontakt zur Galerie Aittouarès haben. In einem Brief an einen prominenten Kunstexperten aus dem Jahr 1999 empfiehlt sich der heute inhaftierte Otto S.-K. ausdrücklich als Freund von Jean-François Aittouarès.

War die Galerie Opfer? Oder paktierte sie mit den Tätern? Bis Redaktionsschluss konnte die Galerie für eine Stellungnahme nicht erreicht werden. Auch die in Untersuchungshaft sitzenden Verdächtigen schweigen. Einer von ihnen, der Maler Wolfgang F.-B., allerdings hat dem Vernehmen nach bereits einen Buchvertrag mit einem Verlag unterschrieben. Vielleicht wird er in seinem Buch dann auch davon erzählen, wie es sich damals so angefühlt hat, als Émile-Othon Friesz und Georges Braque einmal gemeinsam in Antwerpen eine Leinwand bemalten.