So fragwürdig heute auch jene Ethnopsychologie anmutet, die Graf Hermann Keyserling in seinem 1931 erschienenen Buch Das Spektrum Europas praktizierte, lässt sich doch dem Satz, mit dem er seine Geschichte der europäischen Völker wie mit einem Peitschenhieb eröffnete, nicht leicht widersprechen: "Alle Völker sind natürlich scheußlich." Es mangle ihr an Liebe zum jüdischen Volk, warf Gershom Scholem 1963 Hannah Arendt vor, nachdem er ihr Buch Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen gelesen hatte. Hannah Arendt gab ihm recht "aus zwei Gründen: Erstens habe ich nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ›geliebt‹. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Zweitens aber wäre mir diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt." Dem serbischen Schriftsteller Milovan Danojlić war Hannah Arendts Replik vermutlich aus der Seele gesprochen.

Leipziger Buchmesse - Vule Žurić über die serbische Literatur nach dem Balkankrieg Der Schriftsteller Vule Žurić im Videointerview über die Aufarbeitung der Ära Milošević und die Stadt Belgrad als Ort für Literatur

In seinem Briefroman Mein lieber Petrović lässt er sein Alter Ego, den Schriftsteller Mihailo Putnik, nach vielen in den USA verbrachten Jahrzehnten wieder nach Serbien zurückkehren und von dort seinem in Cleveland/Ohio gebliebenen Gelehrten-Freund Petrović von den beklagenswerten Zuständen und den irritierenden Begegnungen in der alten Heimat berichten. Immer wieder kommt Putnik dabei auch auf die übersteigerte Selbsteinschätzung der Serben zu sprechen, deren Großtuerei ihm nicht nur als naive Abwehrstrategie gegen die Erkenntnis ihrer wahren Lage erscheint, sondern ihn auch an ein anderes Volk erinnert: "An Selbstverliebtheit übertreffen uns nur die Juden, aber sie haben wenigstens etwas, womit sie sich rühmen können: Die Weltkultur ist ohne ihren Beitrag nicht vorstellbar, ohne den unseren schon." Mihailo Putnik erfuhr in Amerika drastisch, wie wenig Grund zur nationalen Überschätzung besteht; wenn er dort nach seiner Herkunft gefragt wurde und from Serbia antwortete, verstanden die Leute Serbia mal als Siberia, mal als Syria, und ein Händler aus Columbus sogar als from suburbia. "Dieser", so Putnik, "kam wohl der Wahrheit am nächsten."

Wie Hannah Arendt widersetzt sich Mihailo Putnik jeder eingeforderten Liebe zu (s)einem Volk. Er bringt dem serbischen Volk aber eine andere Form von Liebe entgegen, eine, die sich nicht in dessen Verklärung, sondern eher im betroffenen Widerspruch manifestiert: "Ich bin bei ihm, auch dann, wenn ich mich ihm widersetze. Dann, vielleicht, am meisten." Das, was er die wahre Seele seines Volkes nennt, entdeckt er vornehmlich im gänzlich Unauffälligen und dem, was Hermann Lenz gern das "Nebendraußen" nannte, "in so manchem Seufzer oder in einem abwesenden Blick". Die zehn langen Briefe, die er in den siebziger und achtziger Jahren, also noch vor der Zerschlagung des Vielvölkerstaats Jugoslawien und dem völkerrechtswidrigen Krieg der Nato gegen Serbien, dem Freund in den USA schreibt, halten viele dieser unauffälligen Momente fest, sind aber zuerst einmal Zeugnisse der Widersetzung gegen die in Serbien vorgefundenen Verhältnisse, die seinen Zorn reizen oder seinen Sarkasmus, hauptsächlich diesen.

Schon der erste Brief – Mihailo Putnik schreibt ihn in aller Herrgottsfrühe vor einem noch geschlossenen Gasthaus am Rande der Kleinstadt Kopanja – spricht von der "balkanischen Trägheit", jener "bösartigen Kraft, die uns alle hier in Willenlosigkeit und Eintönigkeit stürzt": "Das, was du gern möchtest, kannst du nicht, das, was du könntest, darfst du nicht, und das, was du darfst und kannst, ist die Mühe nicht wert." Die allgemeine Lethargie und Stagnation erzeugen ein Gefühl der Leere, das Putnik zu Vergleichen mit dem Land reizt, dem er gerade den Rücken gekehrt hat: "In Amerika ist die Leere hungrig und irritierend, sie verleitet zur Unternehmungslust, verlangt, dass du ihr mehr gibst, als du hast. Hier schläfert sie dich ein, sie braucht dich für gar nichts, und am besten fügst du dich in sie ein, wenn du dich nicht bewegst." Und dann fällt der furchtbare Satz: "Wer uns aufwecken will, müsste uns den Krieg erklären."

Doch ist nicht der unerklärte Krieg aller gegen alle so etwas wie ein balkanischer Dauerzustand? Schon 1912 brandmarkte ein anderer Petrović, der Dichter Veljko Petrović, sein Land als "das Land des vergifteten Blutes", und 1918 schloss der vielleicht bedeutendste serbische Dichter der Moderne, Miloš Crnjanski, sein Gedicht Auf Jugoslawien beschwörend mit der Strophe: "Gegrüßet seid ihr, finstere Blicke auf dem Haus, / Haß und Hader immer wieder. / Gegrüßt in der Schande, in Schimpf und Elend, / Brüder sind wir, Brüder!" Wie wenig Appelle an die Brüderlichkeit der balkanischen Völker bewirkten, erhellt eine erschütternde Erzählung des jugoslawischen Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić, betitelt Brief aus dem Jahr 1920. Darin begründet der jüdische Arzt Max Löwenfeld seinem ehemaligen Schulfreund, dem Ich-Erzähler, den er kurz zuvor zufällig im Zug von Sarajevo nach Belgrad getroffen hat, warum er Bosnien, dem "Land der Angst und des Hasses", mithin auch dem neuen Jugoslawien den Rücken kehren und nach Bolivien oder Argentinien emigrieren werde (er kommt dann nur bis Paris). Er trifft ins Herz der balkanischen Tragödie, wenn er schreibt: "Vielleicht liegt euer größtes Unglück gerade darin, dass ihr nicht einmal ahnt, wie viel Haß in Eurer Liebe liegt, in Eurer Begeisterungsfähigkeit, Eurer Tradition und Eurer Religiosität."

Milovan Danojlić bezieht sich in Mein lieber Petrović nicht nur durch die Briefform seines Buches auf Ivo Andrić und seinen Brief aus dem Jahr 1920, er berührt sich mit ihm auch in seiner Analyse des Hasses: "Die Menschen hier hassen sich aus Liebe: Sie können nicht ohne einander, sind zu sehr aufeinander angewiesen, und wünschen schon allein deshalb einander Böses ... Nachdem ich an das andere Ende der Welt geflohen war, dachte ich, dass auch mit dem Hass etwas passiert war, dass er in meiner Abwesenheit weggeschmolzen war. Ich hatte mich getäuscht. Sobald ich zurückgekehrt war, begann er sich zu zeigen ... In dir, als seinem Nächsten, hasst dein Landsmann sein betrogenes und nicht verwirklichtes Selbst, und je verfehlter er selbst ist, umso stärker ist sein Hass ... Soll es doch allen schlecht gehen, und allen, im Bösen, gleich: Das ist unsere Parole für Gleichheit und Gerechtigkeit." Die erniedrigendste Erfahrung für den Jugoslawien-Heimkehrer Mihailo Putnik besteht darin, nicht verhindern zu können, dass der Hass auf ihn selbst übergreift: "Auch ich bin schuld daran, dass es den Hass gibt. Wenn du ihn annimmst, verbreitest du ihn dadurch schon... Versteckst du ihn in dir, vergiftest du dich über alle Maßen, und verkündest du, dass du ihn angenommen hast, gestehst du seinen Sieg. Schon das Wissen um ihn erniedrigt, nimmt gefangen und erstickt."

Irgendwann hat Mihailo Putnik sowohl die Liebe wie den Hass satt: "Alles, was ich von meinen Mitmenschen erwarte, ist etwas Geduld und Respekt... Ich kann mir im Umgang mit anderen nichts Erhabeneres vorstellen als heuchlerische Korrektheit ..." Diese praktiziert er selbst fast täglich gegenüber seinen beiden Kaffeehaus-Freunden Lukić und Paligonić, die wie Personifizierungen jenes "Stupendiarums" wirken, das er mithilfe von Reden, Artikeln, Rezensionen und Bildern, die er regelmäßig aus der Zeitung Politika ausschneidet, errichten will. Lukić, der früher Geschichte unterrichtet hat, ist Rousseau-Anhänger, russophil und flammender Atheist; er kann keine Ameise zertreten, nähme aber die Ermordung von Millionen Menschen im Namen der Weltrevolution durchaus in Kauf. Paligonić ist erbitterter Nationalist, Kroatenhasser, orthodox und immer gekränkt über irgendeine Schmach, die Serbien gerade angetan wird. "Wenn ich ihn anschaue", so Mihailo Putnik, "komme ich zu dem Schluss, dass Gekränktsein eine besonders hohe Form des Patriotismus ist." Die Schilderung dieser beiden Streithähne, die sich regelmäßig rasch wieder versöhnen müssen, da sie beim Streiten aufeinander angewiesen sind, gehört neben den wie von Kafka erdachten Passagen über die Fallstricke der serbischen Bürokratie zu den komischen Höhepunkten der Briefe des Remigranten Putnik, der nebenbei auch verrät, was ihn diese dubiose Kaffeehaus-Gesellschaft suchen lässt: "Gemeinsam totgeschlagene Zeit verwandelt sich in eine süßliche Melasse, in die wir hineinsinken wie in sonnendurchduftenden Morgennebel."