Sven Regener, der Sänger der Band Element of Crime und Bestsellerautor der Herr-Lehmann- Trilogie , hat alle Blogs, die er zwischen 2005 und 2010 geschrieben hat, als Buch herausgegeben: Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher. Was lernen wir aus diesem Buch? Vor allem, was für ein grundsympathischer Kerl dieser Sven Regener ist. Duldsam, umgänglich, von gutem Humor, ein bisschen schräg, aber nie so sehr, dass er aus dem Rahmen fiele.

Ideale Voraussetzungen, um mit einem solchen Menschen im Nightliner auf Konzerttournee durch Deutschland zu fahren, ohne dass am Ende die Nerven blank liegen. Weniger gute Voraussetzungen für ein gutes Buch. Denn wo soll da die Spannung entstehen? Einmal ist Regener abends bei Sarah Kuttner eingeladen. Und wundert sich: "Alle so nett zu mir, was ist denn da los? Wissen die, dass ich hier einen Blog am Laufen habe, in dem ich sie jederzeit dissen könnte, oder was?" Die Sorge ist unbegründet: Regener schafft es, auf 400 Seiten Alltags- und Medienbeobachtungen auszubreiten, ohne irgendjemanden vors Schienbein zu treten.

Dass in dieser Konfliktfreiheit ein Problem liegt, ist Regener nicht entgangen. Er hat dafür auch eine Lösung gesucht: eine spielerische Schizophrenie. Er hat sich ein Alter Ego geschaffen, eine intellektuell schlagfertige Kopfgeburt, einen bösen Dämon, der wie eine vorlaute Puppe mit der ins Grollende verzerrten Stimme seines Bauchredners Sven Regener spricht. Dieses boshafte Counter-Ich trägt den schönen Namen Hamburg-Heiner, abgekürzt: HH. HH meldet sich fast täglich per Telefon. Weshalb die Logbücher über weite Strecken aus durchaus kunstvollen Telefondialogen bestehen.

Dieser Hamburg-Heiner scheint nun das gleiche Problem mit Sven Regener zu haben wie der Leser: Regener ist einfach zu nett, als dass es auf Dauer nicht langweilig würde. Deswegen fordert HH seinen Schöpfer heraus, reizt ihn, lockt ihn in Fallen, will ihm ein Bein stellen – vermutlich alles in der Hoffnung, dass aus dem lieben Sänger von Element of Crime wenigstens für einen Augenblick ein Fiesling, ein abgründiger Charakter würde. "Die Frauen", sagt HH einmal zu Regener, "lieben auch deinen Punk."Wenn das Punk ist, dann flipp ich, um mal persönlich zu werden, schon eher bei Olaf Scholz aus.

Selbst wenn HH Sven Regener in die Ecke treibt, bleibt dieser von unerschütterlicher Gutmütigkeit. Selbst wenn HH die extrem-abwegigsten Weltansichten zum Besten gibt, Regener, unser Sonnenschein, ist nicht aus der Reserve zu locken. Und zwar, weil diesem Doppelgespann von Anfang an der Grundkonstruktionsfehler allumfassender Ironie eingeschrieben ist. Es ist keine ätzende Ironie, sondern eine, bei der alles und sein Gegenteil liebevoll bemuttert wird. Da kann, egal wie man sich reinhängt, keine schlechte Stimmung aufkommen. Die Bosheit reicht immer nur so weit, irgendetwas peinlich oder dünkelhaft zu finden, aber die direkte Gegenposition dazu scheut Regener auch.

Einmal geht es darum, wie man todsicher in den Schlaf findet: "Französische Strukturalisten lesen."Vielleicht hilft das, ich will das nicht ausschließen. Aber es geht im ganzen Kontext dieser Stelle überhaupt nicht um französische Strukturalisten. Deshalb wird auch nicht klar, welche ihrer Eigenschaften genau so einschläfernd wirken. Aber erst das würde den Satz zu einer echten Sottise machen. Erst dann wäre es eine Position, mit der man etwas wagt. Aber als wäre das nicht schon weichgespült genug, schickt Regener noch einen selbstironischen Satz hinterher: "Oder diesen Text hier."Ja mei, wenn man sich so humorig kleinmacht, ist man natürlich wirklich unangreifbar.

HH sagt seinem Autor immer wieder auf den Kopf zu, dass er an einem "Laberflash" leide, und wenn es so weitergehe, falle er gleich ins Wachkoma. Für diese Erkenntnis brauchen wir aber nicht Hamburg-Heiner, das lag auch so offen auf der Hand. Es auszusprechen, übergießt das Ganze nur mit einer Soße der Ironie, die insgeheim auf Freispruch durch Schuldeingeständnis setzt.