Es sei "das Buch der Stunde", schreibt enthusiastisch ein deutscher Kritiker – wie das so ist, wenn ein Buch etwas zu erzählen oder zu berichten hat, für das sich plötzlich alle interessieren. Und natürlich interessiert sich die ganze Welt jetzt sehr für Ägypten, wir haben die Menschenmengen im Fernsehen gesehen und wissen, wie es auf dem Tahrir-Platz in Kairo zuging. Was wir nicht wissen, nicht wirklich wissen, ist, was diese vielen Leute bewegt hat, so weit zu gehen: Aus welchen Häusern kamen sie auf die Straße, und aus welchem Alltag, welchen Familien? Aus welchen Jobs und welchen Umständen? Aus was für einem unerträglichen Schlamassel?

Denn Demokratie, Zukunftsperspektiven, Gerechtigkeit, Freiheit: Schön und gut, das wollen die allermeisten, aber dennoch gehen nur sehr wenige sehr selten dafür auf die Barrikaden.

Die Brücke von politischen Schlagworten zur ägyptischen Lebensrealität stellt Chalid al-Chamissi mit seinem Buch her, das nun zum Buch der Stunde geworden ist und ihn zum meistzitierten Ägypter der deutschen Feuilletons gemacht hat. Es erschien in Ägypten schon 2007, eine Mischung aus Episodenroman, Reportage und politischer Fundamentalkritik am Regime Mubarak; und es fasst Volkes Stimme und Stimmung zu einer soliden Aussage zusammen: Unser Land ist schön, unser Staat eine Katastrophe, bestenfalls eine Farce.

Al-Chamissi, Jahrgang 1962, ist Dokumentarfilmer und Drehbuchautor in Kairo, auch Zeitungsjournalist und zudem studierter Politologe, der seine Meinungen nicht nur pointiert zu formulieren, sondern auch wirksam ins Bild zu setzen weiß.

Man hat manchmal das Gefühl, ein Drehbuch zu lesen, wenn der Ich-Erzähler des Buches, der mit dem Autor ziemlich gleichgesetzt werden darf, sich im Taxi durch das Verkehrschaos der Acht-Millionen-Stadt fahren lässt, kleine Beobachtungen am Straßenrand einflicht und vor allem dem Chauffeur zuhört. Man kann sich an iranische Filme erinnert fühlen, Filme von Makhmalbaf oder Kiaroustami, die weitgehend im Auto spielen und die tiefsten Fragen des Lebens abhandeln. Viel passiert nicht, man fährt vom Tahrir-Platz zur Nil Corniche, vom Viertel Dukki ins Zentrum, man redet und feilscht um den Fahrpreis, der sich bei Demonstrationen zu vervielfachen pflegt. Es gab schon seit Jahren Proteste in der ägyptischen Metropole, sie waren nur nicht groß und erfolgreich genug für internationale Aufmerksamkeit.

Die Taxifahrer arbeiten oft bis zur Erschöpfung, einer schläft am Steuer immer wieder ein. 80000 Taxis gibt es in der Stadt, 250000 Chauffeure, die Konkurrenz ist hart. Aber sie reden gerne und viel, von ihren Fahrgästen und ihren Haustieren, von ihren Kindern, das Gespräch beginnt meist ganz unverfänglich. Sie erzählen von den Schulen, wo alle Kinder beim Lehrer bezahlten Nachhilfeunterricht nehmen müssen: Es ist Erpressung, die Lehrer verdienen zu wenig; von den schlechten Berufsaussichten, von den Schulden. Sie fluchen über die Schikanen der Polizei, die vor allem damit beschäftigt ist, Schmiergelder einzutreiben, über die absurde Bürokratie; und sie philosophieren über frühere Zeiten, als vieles besser oder auch schon schlecht, nur nicht ganz so schlecht war. Sie schimpfen über die abgrundtiefe Korruption und kolportieren Geschichten wie die von der letzten Präsidentschaftswahl, als einer der von Mubarak ernannten Gegenkandidaten angekündigt haben soll, für ebendiesen zu stimmen. Die Bilanz des Regimes, sagen sie, ist vor allem die massenhafte Verarmung: "Wer unter Nasser nicht im Gefängnis war, wird nie ins Gefängnis kommen; wer unter Sadat nicht reich geworden ist, wird nie reich werden; und wer unter Mubarak nicht gebettelt hat, wird nie betteln."

Al-Chamissis 58 Taxiepisoden sind manchmal witzig, öfter bedrückend – und dabei erstaunlich gleichförmig. Die Stimmen ähneln einander, im Tonfall wie in den Meinungen: Nichts klingt extrem, und nichts klingt komisch, nichts obsessiv oder auch nur seltsam; alle sind vernünftig, die Empörten wie die Resignierten, die Christen wie die Muslime, die Jungen wie die Alten. Die Fauna der Berliner Taxifahrer scheint sehr viel bunter.