Das Berliner Willy-Brandt-Haus liegt eigentlich mitten in Sachsen-Anhalt, die Straßen hier sind nach den Städten Dessau, Köthen und Bernburg benannt. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag wird in Berliner SPD-Kreisen bewusst kleingeredet. Man scheut eine neue Diskussion über eine Zusammenarbeit mit den Linken. Denn sie wäre in Sachsen-Anhalt zum Greifen nah.

Eine enge Männerfreundschaft verbindet Jens Bullerjahn , den Spitzenkandidaten der SPD, mit Wulf Gallert, seinem Konkurrenten von den Linkspartei . Regieren will Bullerjahn mit Gallert jedoch nur unter einer Bedingung: Der SPD-Mann soll Ministerpräsident sein. Eine ehrgeizige Forderung: In Umfragen liegt die SPD hinter der führenden CDU und den Linken.

Seit 2006 regiert in Sachsen-Anhalt eine Große Koalition. Der scheidende CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hat seinen Nachfolger Reiner Haseloff ins Rennen geschickt. Der eigentliche Ziehsohn Böhmers scheint aber SPD-Mann Bullerjahn zu sein: Der war der Stellvertreter des Ministerpräsidenten.

Die Menschen im Land sind mit der Arbeit der beiden zufrieden. Zwar ist die Arbeitslosenquote noch immer die zweithöchste Deutschlands, zwar ist das Durchschnittseinkommen der Sachsen-Anhaltiner so niedrig wie nirgends sonst. Aber Böhmer und Bullerjahn haben dem Land ein gewisses Selbstvertrauen gegeben. In der rot-roten Ära vor Böhmers Regierung litt Sachsen-Anhalt schwer am Image der "roten Laterne".

Bullerjahn hat dem einst stark verschuldeten Land einen rigiden Sparkurs verordnet. Er will mit der CDU weitermachen wie bisher. Ein echter, harter Wahlkampf scheint da eher lästig zu sein . "Ich mache keine Castingshow", verteidigt er sich. Auf einer sogenannten Kul-Tour reist der Kandidat umher und lässt sich zu allen möglichen, meist läppisch privaten Dingen befragen. Hier kann Bullerjahn sein, was er gern ist – ein Kumpeltyp, der gern Motorrad fährt und betont: "Ich bin viel normaler geblieben, als die Leute denken."

Den Wählern will er mit seiner flapsigen Art das Misstrauen gegenüber der Politik nehmen. Das schärft nicht gerade ihr Bewusstsein für gesellschaftliche Teilhabe. Die Prognosen für diese Wahl sagen 38 Prozent Beteiligung voraus. Das wäre bundesdeutscher Tiefstwert. Die Wähler der SPD aus der urbanen und gebildeten Mittelschicht haben das Land seit der Wende in großer Zahl gen Westen verlassen. Um politisch zu überleben, müsste Bullerjahn neue Wählerschichten ansprechen. Die soziale Frage würde dabei in den Mittelpunkt gehören. Gerade die ältere SPD-Basis vermisst hier ein Engagement Bullerjahns.

Zwar verspricht er den Schulen und Hochschulen weitere Fördergelder. Aber dann sagt er: "Ich wäre sofort bereit, die Bildungspolitik nach Berlin zu geben." Auch fordert er einen Mindestlohn und will die Vergabe öffentlicher Mittel an Investoren von ihrer Tarifbindung abhängig machen. Mit den Linken könnte Bullerjahn schnell einig werden.