Womöglich hat Bach den eigenwilligsten Musiker, der in seiner Nähe lebte, im Sommer 1733 kennengelernt. Der Thomaskantor war genervt vom Leipziger Stadtrat, gegen dessen Übergriffe sollte ihn ein Hoftitel schützen. Darum hatte er dem neuen sächsischen Kurfürsten in Dresden Teile jener Messe gewidmet, die er später zur h-Moll-Messe ausbaute. Die Aufführung in Dresden wurde von Musikern der Hofkapelle unterstützt, wohl auch von Jan Dismas Zelenka selbst, ihrem kommissarischen Leiter. Er war Jesuit und Kontrabassist, sechs Jahre älter als Bach, und er komponierte für den katholischen Hof seit zwölf Jahren Kirchenmusik. Seine großartigsten Werke waren noch gar nicht entstanden. Und bis vor gar nicht langer Zeit konnte man sie auch kaum hören.

Jetzt ist Zelenka wieder da. Rund vierzig Aufnahmen mit seiner Musik sind mittlerweile lieferbar, einige davon gerade erschienen, und sie alle zeigen, was zu seinen Lebzeiten offenbar nur Große wie Bach kapierten, der Stücke von Zelenka in seiner Bibliothek hatte: ein Genie. Ein Typ an der Wahnsinngrenze, von solcher Individualität und Fusionskraft, so witzig und so inbrünstig, so innovativ und unverwechselbar, dass ihn seine Arbeitgeber auf Händen hätten tragen müssen. Aber selten ist ein Künstler seines Formats so erbärmlich behandelt worden wie dieser gebürtige Prager im glänzenden Dresden August des Starken und seines Nachfolgers. Erstaunlicherweise komponierte er umso spannender, je weniger Chancen er hatte. Mit seinen letzten vier Messen katapultierte er sich in die Zukunft und auf einen Spezialplatz neben Bach.

In seiner Missa votiva von 1739 rasen die Streicher rauf und runter wie auf verwinkelten Piranesitreppen, nur ohne deren Düsternis, sie treiben im Gloria den Chor vor sich her mit einer druckvollen Dramatik, die an Mozarts Figaro denken lässt. Andauernd gibt es Überraschungen, Vorwegnahmen. Das große Thema des Eingangschores hört man, lange bevor es zur Fuge wird, einmal nur so im Orchester, ohne die Konsequenzen, die ein so aufgeladenes Thema haben muss – was die Spannung ebenso erhöht wie Zelenkas Neigung, hinter einen Vorgang unverhofft einen anderen zu setzen, ein, zwei lange Oboentöne über Geigenflackern und Chorblöcke zu legen wie die Skizze eines Horizonts, er ist überhaupt ein Genie dramatischer Räumlichkeit.

Das hört man in der Neuaufnahme deutlich, die Frieder Bernius mit dem Kammerchor und dem Barockorchester Stuttgart gemacht hat, schlackenlos und transparent – allerdings auch distanzierter als die emotionale und druckvolle Version von Václav Luks. Der eine beleuchtet die Architektur, der andere die Emotion dieses Komponisten. Funkelnde Gebilde setzt der in die Luft, deren bizarres Filigran ebenso unter Strom steht wie die kühn geschnittenen Klangblöcke. Sein Sonderweg neben Bachs Universalharmonie, italienischer Eleganz und der Entdeckung des Subjekts verläuft "außerhalb der Evolution", wie Musikologe Wolfgang Reich meint – und dahinter steckt glühende Gläubigkeit, die an Bruckner erinnert.