ZEITmagazin: Gibt es eine Schauspielerin, der Sie nacheifern, die für Sie Vorbild ist?

Furtwängler:Meryl Streep fällt mir da ein. Eine Göttin. Nicht nur wegen ihrer Rolle in Jenseits von Afrika. Ich fand sie auch in dem Film Mamma Mia umwerfend. Alles andere als großes Kino, kein Film, den man gesehen haben muss. Aber wie sie in dem ganzen Kitsch nicht untergeht, wie sie vor einer untergehenden Sonne für Pierce Brosnan The Winner Takes It All singt, das rührt mich. Sie schafft das, so aus dem Herzen heraus zu singen, dass man heulen möchte. Eine ganz und gar unsägliche Szene verwandelt sie in einen wirklichen Moment.

ZEITmagazin: Wie sehr nervt Sie die Frage, wie viel Anteil Ihr Mann an Ihrer Karriere hat?

Furtwängler: Die Frage nervt mich nicht mehr, weil sie nicht mehr gestellt wird. Ich habe stark daran gearbeitet, mir neben meinem Mann eine eigene Marke zu schaffen. Diese Abgrenzung zu ihm und zum Verlag, glaube ich, ist mir auch ganz gut gelungen.

ZEITmagazin: Gibt es in Ihrem Leben etwas, das Sie bereuen?

Furtwängler: Sie interessiert meine kriminelle Vergangenheit?

ZEITmagazin: Ja.

Furtwängler: Ich bin da mit mir im Reinen. Allerdings erinnere ich mich an einen Vorfall bei einer nächtlichen Rückfahrt vom Flughafen München in die Stadt. Im Flugzeug hatte ich ein Glas Wein getrunken, das mich, da ich tagsüber nichts gegessen hatte, ziemlich beschwipst in mein Auto steigen ließ. Ich fuhr, mit dem Handy am Ohr – 120, sechzig waren erlaubt –, und hatte ein herrlich vergnügtes Telefonat. Plötzlich ist ein Auto hinter mir, Polizei. In Höhe der Ausfahrt überholt mich das Auto und zieht nach rechts. Ich sollte hinterherfahren. Hab ich aber nicht gemacht. Das war mir zu knapp. Das Bild werde ich nie vergessen. Die Polizisten auf der Ausfahrt mit fassungslosem Gesichtsausdruck, und ich fuhr einfach geradeaus weiter. Das war so ein James-Bond-Moment.

ZEITmagazin: Und wie fand Ihr Mann diesen Moment?

Furtwängler: Wir sind sehr unterschiedlich. Er meinte, ich müsse mich auf der Wache melden, besser sei es, mich selbst anzuzeigen. Ich fragte zurück: Bitte? Bist du irre?

ZEITmagazin: Sie haben als Ärztin gearbeitet. Gab es Situationen, die Sie nicht vergessen können?

Furtwängler: Ich kann mich sehr gut an meinen ersten Toten erinnern. Das war ein Patient, ein älterer Mann, den ich damals selbst am Bogenhausener Klinikum in München aufgenommen hatte. Und am Nachmittag lag er tot in seinem Zimmer. Ich hatte mir nichts Spezielles vorzuwerfen, aber es war trotzdem ein Schock. Es war vorbei mit der Sorglosigkeit einer Studentin, die, wie sie das gelernt hatte, bei ihrem Patienten eine Anamnese gemacht, ihn gründlich untersucht hatte. Und dennoch war der Mann jetzt tot. Furchtbar.

ZEITmagazin: Kranke, oft verängstigte Menschen wollen geheilt werden: Wie sehr spürt man diesen Druck als Ärztin?

Furtwängler: Den spürt man sehr. Und das ist sehr anstrengend, diese Erwartungshaltung: Bitte mach was! Das Gefühl, auch selber für seine Gesundheit verantwortlich zu sein, ist in unserem Wohlfahrtsstaat nicht sehr ausgeprägt. Aber ich habe gerne als Ärztin gearbeitet. Ich habe damals auch eine Ausbildung zur Psychotherapeutin begonnen, weil ich sah, dass bei vielen Menschen die psychische Komponente im Vordergrund steht.

ZEITmagazin: Warum haben Sie sich am Ende dann aber doch für die Schauspielerei entschieden?

Furtwängler: Ich habe auch damals immer schon parallel gedreht. Ich habe dann irgendwann gemerkt, ich muss mich entscheiden. Ich will es mal salopp formulieren: Mit zwei Kleinkindern, angesichts der vielen Nacht- und Wochenenddienste, schien mir die Lebensqualität einer Schauspielerin größer. Und für mich war dieser neue Beruf auch eine enorme Herausforderung. Ich fragte mich: Warum ist das nicht wirklich gut, was ich spiele, warum bin ich da steif und undurchlässig und bockig? Warum klappt das nicht so, wie ich es möchte? Ich wollte wissen: Wie geht das?

ZEITmagazin: Einige Jahre später könnte man nun feststellen: Das wissen Sie jetzt.

Furtwängler: Nein, nein. Das ist ja auch das Schöne an diesem Beruf: Man muss von einer Rolle zur nächsten wieder neu anfangen zu lernen. Ich bin weit von der Annahme entfernt, nichts mehr lernen zu müssen.

ZEITmagazin: Der Regisseur Luc Bondy hat gesagt, wenn man die Liebe zwischen zwei Menschen wirklich zeigen wolle, dann müsse man auf der Bühne darauf achten, dass sich die beiden nicht anschauen. Der direkte Blick zerstöre die Magie. Können Sie damit etwas anfangen?

Furtwängler: Das ist sehr wahr. Emotionen sind oft dann am stärksten, wenn ein Hindernis da ist. Das ist bei der Liebe so, das ist auch bei anderen Gefühlen so. Wirklich spannend ist das Hindernis.

ZEITmagazin: Wir sprachen vorhin über Ihre Überlegungen, etwas Neues zu machen. Hätte es nicht auch einen eigenen Reiz, lebenslang an der Schauspielkunst zu arbeiten?

Furtwängler: Das hat es ganz sicherlich. Das ist eine große Aufgabe. Aber die Vorstellung, ausschließlich Schauspielerin zu sein, wäre mir zu wenig selbstbestimmt. Man kommt ja immer erst dazu, wenn schon vieles fertig ist. Sicher kann man manches umschreiben, aber im Grunde steht die Geschichte. Und ich möchte ja, dass in meinem Leben etwas anderes in den Vordergrund kommt. Ich will selbstgesteuerter, selbstgetriebener und präsenter werden.