Allein dass dieser Mann heute in seinen Büroräumen empfängt, ist eine kleine Sensation. Er ist das Oberhaupt einer der einflussreichsten und zugleich verschwiegensten Unternehmerfamilien in diesem Land. Das weitverzweigte Imperium, über das er wacht, ist 255 Jahre alt und hätte in dieser Zeit schon viele Male untergehen müssen. Dass es noch immer existiert, hat ein bisschen mit Zufall und viel mit Prinzipien zu tun. Niemand verkörpert diese besser als Franz Markus Haniel.

Lange war unklar, ob es ein Treffen mit dem Clanchef geben würde. Die Haniels wollen nicht in die Öffentlichkeit, auch das ist ein Prinzip. "Es entspricht nicht unserem Selbstverständnis", sagt Franz Markus Haniel, faltet die Hände und legt sie auf dem Holztisch ab, wo sie das ganze Gespräch über ruhen werden. Er ist ein gepflegter Mann Mitte fünfzig mit feinen Gesichtszügen, der seine Worte mit Bedacht wählt, und wenn er sie ausspricht, verschluckt er keine Silbe.

Haniel hat Sprachen in Grenoble studiert und Maschinenbau in München. Er war ein paar Jahre in der Geschäftsführung des Banknotendruckers Giesecke & Devrient, seit 2003 ist er der Aufsichtsratschef der Franz Haniel & Cie. GmbH in Duisburg. Der Name Franz Haniel steht für einen internationalen Mischkonzern, das geschichtsträchtige Cie. dahinter für Compagnie. Sie gehört 620 Gesellschaftern, aufgeteilt in Familienstämme, deren Mitglieder längst nicht mehr alle Haniel heißen, sondern Libbert, Böninger, von Buchholtz oder von Dürckheim. Die Aufgabe von Franz Markus Haniel ist es, die Sippe zusammenzuhalten. Er spricht von einem "Fundament von klaren Richtlinien", auf dem das Unternehmen stehe, und von einem Wertesystem, das die Haniels "mit der Muttermilch aufsaugen". Er sagt: "Diese Werte sind keine Garantie für den Erfolg des Unternehmens, aber sie maximieren die Wahrscheinlichkeit seines Überlebens."

Die Haniel-Gruppe ist eines der größten Familienunternehmen in Deutschland. Wäre sie an der Börse notiert, würde sie im Dax auftauchen. Im Jahr 2009 erwirtschaftete Haniel mehr Umsatz als die Lufthansa und einen höheren Vorsteuergewinn als der Turnschuhhersteller adidas. Dass der Konzern an Ruhr und Rhein den Deutschen dennoch kaum bekannt ist, liegt auch daran, dass es keine Produkte gibt, auf denen Haniel steht. Das ist wieder so ein Prinzip. Von Geschäften, die nicht den eigenen Namen tragen, trennt es sich leichter.

Das ist Teil der Strategie. Die Duisburger übernehmen kleinere Firmen, machen sie groß und verkaufen sie wieder, wenn sie nicht mehr genügend Rendite abwerfen. Portfoliostrategie nennt sich das. Das Unternehmen stellt selbst nichts her, es besitzt nur. Die Haniels sind im Grunde gar keine Unternehmer, sondern Investoren. Manche halten den Konzern deshalb für das älteste Private-Equity-Haus der Welt.

Mit dieser Strategie haben sich die Duisburger ein Riesenreich zusammengekauft, das gut 800 Firmen im Mehrheitsbesitz versammelt, damit knapp 25 Milliarden Euro Umsatz erzielt und mehr als 53.000 Menschen beschäftigt. Hinzu kommen 268.000 Mitarbeiter beim Handelskonzern Metro, an dem die Haniels gut 34 Prozent halten. Die vier großen Geschäftsbereiche sind Celesio (Pharmahandel), CWS-boco (Berufskleidung, Waschraumhygiene), ELG (Edelstahlrecycling) und Takkt (Büromöbelversand). Gemein ist den Geschäften nur ihr Ursprung im Handel. Und so schließt sich der Kreis zu den Anfängen. Heute handeln die Haniels mit Arzneimitteln und Edelschrott, begonnen haben sie mit Gewürzen, Kaffee und Tee.