"Festzuhalten bleibt jedoch..., dass der Mensch als überragender Verknüpfer verschiedener Ströme den Rhein aus Tälern und Schluchten allererst zusammengesetzt hat, damit er nicht eine Barriere, sondern ein Weg sei: Kein Graben, sondern eine Verbindung." Lucien Febvre, franz. Historiker (1935)

Ein Anschlag auf das Mittelrheintal ist sie, die geplante "autobahnähnliche" Brücke, die Tausende von Fahrzeuge durch die romantische Flusslandschaft unmittelbar an der Loreley schleusen soll. Nur diplomatische Finessen hätten der rheinland-pfälzischen Landesregierung geholfen, die internationalen Hüter der Welterbestätten für das Projekt einzunehmen. So lauten die Vorwürfe des Nestors der deutschen Denkmalpflege, Michael Petzet, der immerhin 25 Jahre lang Chef der bayerischen Denkmalpflege war, ein Kunsthistoriker von internationalem Rang.

Richtig ist, dass eine Brücke zwischen Wellmich und Fellen nun in Planung ist, falsch ist, dass sie autobahnähnlich ausgebaut werden soll.

Hinter dieser Auseinandersetzung verbirgt sich in Wahrheit ein sehr unterschiedliches Verständnis vom Schutz sich organisch entwickelnder Kulturlandschaften. Michael Petzet möchte am liebsten eine Glocke über das Mittelrheintal setzen, die jede Veränderung abwehrt. Schade eigentlich nur, dass er seinen Einfluss nicht schon vor 150 Jahren geltend machen konnte, dann wären dem Mittelrheintal die unseligen Bahnlinien erspart geblieben, die der Bevölkerung heute mehr Unbehagen bereiten als die Rheinbrücke in Planung, denn der Eisenbahnlärm ist die eigentliche Gefahr für die Lebensqualität in den Gemeinden zwischen Bingen und Koblenz.

Solche großflächigen Kulturlandschaften benötigen nach Auffassung der Landesregierung von Rheinland-Pfalz ein modernes Schutz- aber auch Entwicklungskonzept, das eine behutsame Weiterentwicklung der Infrastruktur im Interesse der Bevölkerung des Tales mit einschließt. Allein schon deshalb, um die rasant gewachsene Abwanderung aus den Gemeinden zu stoppen und die unterschiedlichen Nutzungsinteressen von Bevölkerung einerseits und europäischer Eisenbahn andererseits unter einen Hut zu bringen. Der Schutz der Spuren der Vergangenheit muss verbunden werden mit Maßnahmen der Zukunftssicherung.

Der wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Wandel hinterlässt in Kulturlandschaften Spuren, denn Kulturlandschaften sind der physische Ausdruck der Gestaltungskraft und der Gestaltungsfähigkeit des Menschen. Im Oberen Mittelrheintal lassen sich die Ergebnisse der menschlichen Tätigkeit auf Schritt und Tritt beobachten, eröffnen ständig neue Blicke in die Vergangenheit. Burgen und Städte legen Zeugnis von einer mittelalterlichen Metropolregion, früherer Wirtschafts- und Finanzkraft ab. Die Burgen, im 19. Jahrhundert teilweise romantisch überhöht und im Stil der Burgenromantik wiederaufgebaut, sind das sichtbare Ergebnis zahlreicher Machtkämpfe zwischen den Territorialherren und dienten der Sicherung der Zollerhebung. Veränderungen waren am Mittelrhein immer sehr schnell spürbar, wenn sich Formen der Kommunikation oder des Transportes wandelten. So verlor der Rhein als Verkehrsachse zwischen dem Mittelmeerraum und Nordeuropa im 16. Jahrhundert durch die effizientere Seeschifffahrt und den Aufstieg neuer Handelsmächte an Bedeutung. Das "Leitkabel zwischen der Po-Ebene und den Ländern des Nordens" (Lucien Febvre) wurde nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher für den Handel benötigt. Seine wirtschaftliche Bedeutung erlangte der Rhein erst durch die Schiffbarmachung und den Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert zurück. Im Geist der Zeit wurde diese Anpassung an die modernen Verkehrsbedürfnisse von den preußischen Planern ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt umgesetzt. Mittlerweile fließt der Verkehr im Tal am Tal vorbei. Der Rhein ist von der Lebensader des Tals zu einer Grenze zwischen dem linken und rechten Ufer geworden.

Nicht wenige gesellschaftliche und technische Veränderungen haben im Oberen Mittelrheintal Wunden hinterlassen. Der Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert schnitt die Orte in vielen Fällen vom Rhein ab und führte zu einer immer stärker anschwellenden Lärmbelastung. Auch der Massentourismus im 20. Jahrhundert brachte mehr als nur Gäste in das Tal. Unmittelbar an den Flussufern entstanden Campingplätze, über deren ästhetische Qualität man durchaus streiten kann. Wer in der Welterbestätte Oberes Mittelrheintal lebt oder die Kulturlandschaft konsumiert, sieht und spürt in dieser Landschaft gerade heute einen großen Veränderungsdruck. Neben all der Schönheit, die die Welterbestätte zu bieten hat, gibt es Beunruhigendes zu beobachten. In den vergangenen Jahren ist es zu einer deutlichen Abwanderung von Einwohnern im mittleren Abschnitt des Oberen Mittelrheintals und nahezu auf der gesamten rechten Rheinseite gekommen. Die Zahl der Arbeitsplätze hat dort kontinuierlich abgenommen. Häuserleerstände werden immer deutlicher sichtbar. Viele Fassaden stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus oder wurden seinerzeit zum letzten Mal renoviert.