Vor Publikum – Seite 1

Ein kleiner, perfekt geformter, absolut symmetrischer Kegel, aus dem ein dünnes Rauchfähnchen aufstieg." So beschrieb der britische Autor Simon Winchester seinen ersten Blick auf einen Schlot mitten im Meer, den er in den 1970er Jahren von einer Palmölplantage am äußersten Westzipfel Javas aus erhaschte. "Ein Anblick von makelloser Schönheit." Ein Vierteljahrhundert später kehrte Winchester zurück und stellte verblüfft fest, dass der Berg nun viel mächtiger war. Anak heißt er, was in der Sprache Malay Kind bedeutet. Anak Krakatau war groß geworden, der Sohn des Krakatau.

Krakatau. Wenn man von Naturkatastrophen spricht, von Urgewalten, vom "Pazifischen Feuergürtel" (an dem auch Japan liegt) , dann ist dieser Name stets präsent. Und das Datum des 27. August 1883, der Tag eines der schwersten Vulkanausbrüche der letzten Jahrhunderte und der opferreichsten der Neuzeit. Die Auswirkungen spürten noch die Menschen auf anderen Kontinenten. Es war die erste Katastrophe, der sie beinahe in Echtzeit folgen konnten.

Heute verfolgen wir die Ereignisse nach dem schweren Erdbeben vor der japanischen Küste in den Livetickern der Onlinezeitungen und am Fernsehen. Alle paar Minuten drängen neue Informationen auf die Bildschirme. Das Unglück ereilte zwar ein Land am anderen Ende der Welt, aber eben eines voller Webcams und TV-Kameras. Das globale Dorf verfolgt gebannt das Desaster.

Damals wurde die Welt gerade erst verkabelt. In den 1870er Jahren war Niederländisch-Indien an das Telegrafennetz angeschlossen worden. Per Seekabel raste die Nachricht vom Ausbruch des Krakataus noch am selben Tag nach Europa, Nord- und Südamerika. Dort erreichte sie die Redakteure der ersten Nachrichtenagenturen, welche seit der Jahrhundertmitte die Zeitungen mit Meldungen fütterten – und somit die Geschwindigkeit der Berichterstattung enorm beschleunigt hatten. Der Ausbruch gilt als eines der ersten Ereignisse, zu denen sich eine globale Mediengesellschaft zusammenfand.

Sie verfolgte begierig die Meldungen von Seeleuten, Kolonialbeamten, Missionaren und Kaufleuten. Die historische Datenflut ergibt ein ziemlich genaues Bild: Am Mittag des 26. August jagte die erste schwere Eruption eine dunkle Wolke geschätzte 30 Kilometer hoch in den Himmel, dichter Ascheregen folgte. "Totale Finsternis", telegrafierte der Gastwirt Mevrouw Schuit aus dem Küstenstädtchen Anyar. Die ganze Nacht lang hallten Explosionen, bebte die Erde, schlugen meterhohe Wellen an die Küsten Sumatras und Javas. Am Morgen des 27. August zerrissen binnen weniger Stunden vier infernalische Schläge die Vulkaninsel, jeder Schlag gefolgt von einer gewaltigen Flutwelle.

Der vierte Schlag muss der heftigste gewesen sein. Der 800 Meter hohe Berg stürzte in sich zusammen und versank im Meer – innen wohl längst hohl, nachdem er mehr Lava in die Höhe geschleudert hatte, als von unten nachdrängte. In den Einsturzkrater stürzten enorme Mengen Wasser. Kreisförmig breitete sich eine Welle aus. Ihre Energie türmte das Meer an den Küsten zum letzten, zum höchsten Tsunami dieses Tages auf. Gegen zehn Uhr traf er die ersten Orte, 300 Dörfer versanken in den Fluten.

Später ließ sich an den Spuren der Zerstörung ablesen, wie gewaltig die Welle gewesen sein musste. In einigen Buchten bis zu 40 Meter hoch. Aus dem Hafen von Telukbetung (heute Lampang) auf Sumatra trug sie den Raddampfer Berouw drei Kilometer landeinwärts in den Dschungel. Die Flutwellen erschlugen und ertränkten 36.000 Menschen.

Monatelang waren die globalen Folgen dieses Ausbruchs zu spüren

Die Niederländer schickten eine Forschergruppe an den Ort der Katastrophe. Der leitende Geologe errechnete damals, dass der Vulkan 20 Kubikkilometer Material ausgeworfen haben musste. So steht es bis heute in den Lehrbüchern. Binnen Stunden hatte der Vulkanausbruch eine Energie freigesetzt, die später auf das 10.000-Fache der Hiroshima-Bombe veranschlagt wurde.

Damals konnten Forscher, Beamte und Seeleute rund um den Globus die Folgen dieser Entladung feststellen. Ihre Barometer zeigten eine Druckwelle, die mindestens drei Mal um die Erde gerast sein musste. Den Knall der Explosionen hörten die Menschen in Indien, auf Madagaskar und in Australien noch. Der letzte der Tsunamis lief über die Weltmeere. Noch an der Südspitze Südamerikas hob er den Meeresspiegel. Die Welle drängte sich ins Mittelmeer und in den Ärmelkanal. Im Hafen von Calais notierte man einen Anstieg um zwei Zentimeter.

Monatelang waren die globalen Folgen dieses Ausbruchs zu spüren: Staub- und Aschepartikel schwebten hoch in der Atmosphäre und verursachten ein spektakulär farbiges Abendrot. "Der westliche Horizont flammte plötzlich in brillantem Purpur auf, ließ Himmel und Wolken erröten", berichtete die New York Times im November des Katastrophenjahres. In Großbritannien veröffentlichte die Wissenschaftszeitschrift Nature von Dezember an eine Reihe von Berichten unter dem Titel Bemerkenswerte Sonnenuntergänge . "Ungewöhnliche optische Phänomene in der Atmosphäre" beschrieb die Royal Society auf 300 Seiten. Der norwegische Maler Edvard Munch vermerkte in seinem Tagebuch den blutigen Himmel des Winters 1883/84 – und verewigte ihn in mehreren Versionen seines berühmten Gemäldes Der Schrei .

Für die Nordhalbkugel lässt sich außerdem in meteorologischen Messreihen nachverfolgen, wie der Vulkanstaub in der Atmosphäre die Erde abkühlte – um mehr als ein halbes Grad Celsius gegenüber dem langjährigen Mittel. Das klingt nach wenig, doch ein kühler, verregneter Sommer mit gravierenden Ernteausfällen folgte. Vor fünf Jahren gelang es Klimaforschern, auch den Kühleffekt auf die Ozeane zu berechnen – eine Kühlung um einige Zentigrade, die bis heute in tieferen Wasserschichten nachwirkt. Wasser dehnt sich bei Erwärmung, etwa durch den Treibhauseffekt, aus. Ohne den Krakatau, so schrieb Peter Gleckler 2006 in Nature , läge der Meeresspiegel heute ein paar Zentimeter höher.

Im vergangenen Sommer verzeichneten die Seismologen im Westen Javas wieder stärkeres Grummeln , Erschütterungen und kleinere Ausbrüche des Anak Krakatau. Der Sohn des todbringenden Vulkans von 1883 gilt selbst – früher oder später – als sicherer Kandidat für eine große Eruption. Erst 1927 war er aus dem Meer gewachsen und mehrere Male wieder unter der Wasseroberfläche verschwunden, bevor er zu dem Kegel wurde, den Winchester vor mehr als dreißig Jahren so bewunderte. Solange Krakataus Sohn wächst, untersuchen Wissenschaftler, wie Tiere und Pflanzen die neu entstandene Insel besiedeln. Diese "Kolonialisierung" gilt Ökologen wie Evolutionsbiologen als aufschlussreiche Laborsituation für das Leben – das über die zerstörerische Kraft der Elemente siegt.

"Ein Anblick von makelloser Schönheit", hatte Winchester sich erinnert. "Umso mehr, als sich hier ein Ort zeigte, an dem die Vorgänge der Welt am Werk waren, ein Ort von elementarer Bedeutung, einst Schauplatz einer Katastrophe – aber in diesen Tagen ruhig, heiter auf seinen Moment wartend."

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