Gute Nachrichten haben es schwer, das gilt erst recht in diesen Tagen. Dennoch wollen wir sie nicht vergessen, weshalb an dieser Stelle endlich von der Europäischen Union die Rede sein soll. Genauer gesagt von jenen 17 Regierungschefs der Euro-Staaten, die sich am vergangenen Freitag außerplanmäßig in Brüssel trafen, um zu beraten, wie sie – dieses Mal endgültig – die gemeinsame Währung retten könnten.

Tatsächlich haben die Regierungschefs an diesem Freitag weitreichende Entscheidungen getroffen, die etwa die FAZ "historisch" nennt – bevor sie sie einmal mehr als unzureichend verwirft. Genauso unzureichend wie die Euro-Beschlüsse scheint vielen Kritikern auch das Zögern der EU, militärisch in Libyen zu intervenieren , ein Thema, über das die Regierungschefs bei ihrem außerplanmäßigen Euro-Treffen ebenfalls außerplanmäßig beraten haben. Und unzureichend, fast möchte man darauf wetten, wird ganz gewiss auch die Reaktion der EU auf die Reaktorkatastrophe in Japan sein, über die die Energieminister der EU-Mitgliedsstaaten am Dienstag dieser Woche (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) beraten wollten. Außerplanmäßig, versteht sich.

Unzureichend, zögerlich, uneinig: Besonders schrill klingt die Kritik an der EU in diesen Tagen – und besonders monoton. Denn egal, ob es um die Freiheitskämpfe in der arabischen Welt, die Flüchtlinge auf Lampedusa , den GAU in Japan oder die Bewältigung der Euro-Krise geht, stets lautet der Vorwurf, "Europa" reagiere nicht entschlossen genug, nicht schnell genug, nicht umfassend genug. Fast wirkt es so, als wäre die EU in diesen unübersichtlichen Zeiten der Sack, den man beliebig oft schlagen kann, weil man nicht weiß, wer eigentlich gerade der Esel ist, den man treffen will.

Dabei wäre die Kritik überzeugender, wenn die Kritiker offenlegten, an welchen Maßstäben sie die EU eigentlich messen – und wenn sie die historische Stunde, in der Europa gerade agiert, berücksichtigten.

Gewiss, die Euro-Krise, an der die Union nun schon im zweiten Jahr laboriert, ist weitgehend hausgemacht. Im Kern handelt es sich um die fatale Folge einer gewissen europäischen Romantik, mit der die gemeinsame Währung geschaffen wurde, ohne sie politisch ausreichend zu flankieren. Diesen Flankenschutz nun, unter den Bedingungen einer globalen Finanzkrise, nachzuholen ist notwendigerweise schmerzhaft – und teuer. Die Vorstellung, dass 17 Staaten dabei einander an den Händen halten und Hurra rufen, ist nicht nur naiv. Sie ist auch nicht wünschenswert. Denn der Streit der vergangenen Monate – bis hin zum jüngsten Eklat um die Höhe der irischen Unternehmenssteuern – hat etwas geschaffen, was viele Jahre lang vergeblich gefordert worden ist: Er hat Europa politisiert.

Die anderen Herausforderungen, die die EU derzeit ereilen, sind dagegen unverschuldet: das Resultat einer dramatischen Beschleunigung der Weltpolitik, die die EU in einem Moment trifft, in dem sie gerade erst begonnen hat, sich selbst als weltpolitischen Akteur zu begreifen. (Was freilich nicht bedeutet, dass andere, ehemalige weltpolitische Akteure wie der französische Präsident ihre Rolle freiwillig aufgeben würden.)

Die Revolution in Ägypten, die Flüchtlinge aus Tunesien, der Bürgerkrieg in Libyen und nun das Erdbeben und die Atomkatastrophe in Japan: Jedes einzelne dieser Ereignisse würde die noch jungen außenpolitischen Strukturen der EU vor Probleme stellen. Sie alle zusammen führen zwangsläufig zu einer Überforderung der Akteure. Die EU ist zu langsam? Mag sein. Ganz gewiss ist die Welt derzeit zu schnell, nicht nur für die Europäische Union. Welcher der bekannten nationalen oder supranationalen Akteure hat denn derzeit eine überzeugende Libyen-Strategie oder eine kohärente Flüchtlingspolitik anzubieten? Frankreich? Die USA? Die UN?

Es kann nicht darum gehen, die europäische Politik von Kritik freizustellen und sie damit erneut zu romantisieren. Es muss aber darum gehen, sich bewusst zu werden, an welchen Vorstellungen oder Idealen man diese Kritik ausrichtet. Die EU ist kein Nationalstaat. Sie wird niemals so selbstbewusst militärisch grüßen wie die USA. Sie wird sich niemals diplomatisch so spreizen wie die Franzosen. Und sie wird niemals so ordentlich wirtschaften wie die Wirtschaftsmacht Deutschland.

Die EU wird auch künftig selten vorpreschen und nur gelegentlich voranmarschieren. Dafür wird sie, wenn sie es gut macht, belastbare Kompromisse schmieden. Am vergangenen Freitag haben die Regierungschefs einen Schritt in diese Richtung gemacht.

Wenn das keine gute Nachricht ist!