Schon Montesquieu spottete, die Natur sei eine Dame, deren intimer Bekanntschaft sich neuerdings jeder rühme. So werde ihr Ruf schließlich ruiniert. Von ihren Verächtern wird die Bewegung zum Schutz der Natur gern in die Nähe brauner Heimatseligkeit oder roter Varianten des Totalitarismus gerückt. Für Joachim Radkau dagegen besteht sie aus Grünschattierungen jeder Couleur. Nach über vierzig Jahren teilnehmender Beobachtung gesteht er jedoch zu, dass die Umweltbewegung oft wie ein Chamäleon in seinem Dschungelhabitat wirke.

Nun hat Radkau eine Geschichte der wachsenden Erkenntnis verfasst, dass etwas scheinbar so Selbstverständliches wie die Umwelt überhaupt eine Geschichte besitzt. Im Dickicht der Ökobewegung sucht er nach Spuren, die von deren Leitmotiven gezogen wurden.

Der Autor darf als einer der originellsten deutschen Historiker gelten. Er schrieb über Energie und Technik vom Holz bis zum Atom, und er näherte sich dem "Zeitalter der Nervosität" um 1900 auf ebenso unkonventionelle Weise wie dem Soziologen Max Weber. Die von ihm vertretene Umweltgeschichte fristet heute allerdings ein randständiges Dasein. Der Klimawandel und die zahlreichen Moden der Kulturgeschichte scheinen ökologische Fragen absorbiert zu haben.

Einem so beschlagenen wie unabhängigen Geist wie Radkau über die holprigen Pfade und verborgenen Pfadabhängigkeiten der letzten beiden Jahrhunderte zu folgen ist ein Vergnügen. Auch wenn er auf sehr eigensinnige, nicht immer stringente Art durch unwegsames Gelände navigiert. Sprachlichen Vernebelungen sitzt er ebenso wenig auf wie vordergründiger Symbolik im weiten Feld der Umweltpolitik. Den angeblich unvereinbaren Widerspruch "zwischen Vogelschützern und Katzenfreunden" – so der Spiegel 1983 – lässt er nicht gelten.

Dass die Ökologie "als Lebensphilosophie und als Herrschaftslegitimation, als Wissenschaft und als Kampfparole von Protestbewegungen" in Erscheinung trete, ist für ihn ein Ausweis ihrer Vitalität. Er hält sie sogar für die gegenwärtig einzig verbliebene Antwort von Format, "größer als alle Verheißungen von Liberalismus und Globalisierung".

Die Rache der Natur: Schon im 18. Jahrhundert erzeugten Schwärmereien für die Natur und gleichzeitige Alarmrufe über eine bevorstehende "Holznot" eine Spannung, die bis in die Gegenwart anhält. Während die einen klagten, man werde dereinst für den allzu freigiebigen Naturverbrauch verflucht werden, begannen andere bereits um 1797 damit, holzsparende Öfen zu entwickeln.

Radkau sieht hier liberale und merkantile Ansätze miteinander ringen. Von Beginn an war der Umweltschutz eine Arena ideologischer Kämpfe. Ein frühes Leitmotiv bildete die Dialektik des modernen Produktivismus: Je systematischer die Natur ausgebeutet wurde, umso genauer erkannte man sie in ihrer Schutzbedürftigkeit. Ein weiteres, ebenfalls in die Gegenwart reichendes Leitmotiv bildet die Bereitschaft, jeden Sturm, jede Hitzewelle und jedes Hochwasser zu einer "Rache der Natur" zu stilisieren.

 

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war für die Geschichte des Umweltbewusstseins eine Belle Époque. Fast wäre schon eine ökologische Bewegung entstanden, hätten Kriegs- und Nachkriegsnöte dies nicht viele Jahrzehnte lang weiter verzögert. So wurde die begonnene Suche nach perfekten Kreisläufen für Brennstoffe oder Abfälle durch die nach Endlagern von Schadstoffen verdrängt. Statt auf Hygiene und Gesundheit setzte der Wettkampf der Systeme lieber auf andauerndes Wachstum. Die Folgen für die Umwelt wurden verdrängt oder sozialisiert. Noch in den siebziger Jahren hielt man möglichst hohe Schornsteine für die "Lösung" eines drängenden Umweltproblems.

Ökologisches Denken reifte aber nicht nur bei schönem Wetter, wie manche Kritiker vermuten. Der Schutz von Natur und Ressourcen diente oft als Hebel für staatliche Eingriffe, deren Ziele sehr unterschiedlich sein konnten. Im amerikanischen New Deal setzte das Civilian Conservation Corps Arbeitslose in Lohn und Brot. Zugleich half es dabei, das bedrohliche Phänomen der Bodenerosion, den Dust Bowl, zu überwinden. Im "Dritten Reich" wurden aus heutiger Warte durchaus sinnvolle Initiativen für den Natur- oder den Nichtraucherschutz auf den Weg gebracht. Sie standen aber unter zweifelhaften politischen Vorzeichen. Die Sowjetunion beutete die natürlichen Ressourcen am bedenkenlosesten aus. Tschernobyl war eben doch kein Zufall, und der versuchte Ökozid dreier Generationen belastet Russland bis heute.

Nach dem Zweiten Weltkrieg legten internationale Organisationen wie die Unesco oder NGOs wie Greenpeace die Grundlagen einer Vision der einen Welt, in der alles miteinander verknüpft erschien. Zugleich entstand jedoch unsere moderne Wegwerfgesellschaft. Sie hielt den Wachstumspfad nach wie vor für naturgegeben und erhob die Chemie zur Leitwissenschaft eines besseren Lebens.

Kopernikanische Wende rückwärts: Als 1962 die amerikanische Biologin Rachel Carson die komplexen Folgen von chemischen Keulen wie dem DDT in der Landwirtschaft beschrieb, markierte dies in der Öko-Ära eine Wendemarke. Ihr Buch Silent Spring – ein Verweis auf die stummen, weil vergifteten Vögel im Frühling – wurde zur Bibel einer Bewegung, die sich 1970 um das Schlagwort "Umwelt" scharte. In diesem Wunderjahr der Ökobewegung wurde in den USA bereits ein Earth Day gefeiert und ein Europäisches Naturschutzjahr ausgerufen.

Warum setzte ausgerechnet jetzt eine "ökologische Revolution" ein? Radkau spricht von einer "kopernikanischen Wende rückwärts": Nachdem Astronauten es von außen umrundet hatten, erschien das "Raumschiff Erde" erneut als ebenso einzigartig wie verletzlich. Ohne benennbaren Anlass sei ökologisches Wissen immer stärker miteinander vernetzt worden, habe eine Art von Kettenreaktion eingesetzt. Eine untergründige Triebkraft vermutet Radkau in der grassierenden Furcht vor einem Verlust an Lebensqualität, Gesundheit und ruhigem Schlaf. Zu Metaphern der Gefahr entwickelten sich der Krebs und seine diffusen Ursachen. Sie bezogen sich auf die Verschmutzung von Wasser und Luft, auf Gifte wie das Dioxin, vor allem aber auf die Radioaktivität.

Aus diesen Gefährdungen ergaben sich in den folgenden Jahrzehnten die "großen Dramen" der Umweltbewegung. Ihnen widmet Radkau den Hauptteil seiner Darstellung. Das Ozonloch, das Waldsterben oder BSE waren für ihn keine falschen Alarme, sondern Anlässe, um die komplexen Wechselwirkungen unserer Ökosysteme wieder zu entdecken. Diese oft schmerzliche Erkenntnis verlief äußerst spannungsreich. Sie führte über Schleifen und Irrwege und vorbei an einer ganzen Reihe falscher Propheten.

Doch gerade die Märtyrer der Umweltbewegung wie der mexikanische Regenwald-Aktivist Chico Mendes oder die Anti-Atom-Aktivistin Karen Silkwood trugen dazu bei, ökologischen Fragen weltweite Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die besondere Sympathie des Autors gilt den couragierten Heroinen der Bewegung: Petra Kelly natürlich, der Gorillaforscherin Dian Fossey, den Anti-Staudamm-Aktivistinnen Vandana Shiva und Dai Qing oder der Meeresbiologin Elisabeth Mann Borgese. Andere Ikonen der Ökobewegung wie Julian Huxley, Bernhard Grzimek oder Horst Stern werden von Radkau sehr viel ambivalenter beurteilt.

 

Ökologie als Zukunftswissen: Dass alles mit allem zusammenhängt, ist die wesentliche Erkenntnis der ökologischen Ära. Sie hat uns zu einem komplexeren Denken verholfen. Dem Anspruch entsprechend, formuliert Radkau keine Generalthese und wechselt immer wieder die Perspektive: Von Personen geht es über Positionen hin zu Organisationen und wieder zurück. Das ist gelegentlich sehr anekdotisch und bisweilen auch bissig, aber immer lehrreich.

Das Buch hütet sich vor Vereinfachung. Statt die Polemiken des Atomkonflikts fortzuschreiben, reflektiert es lieber ausführlich über die Wirkungsweise von Feindbildern. Vermeintliche Win-win-Situationen zwischen Ökonomie und Ökologie werden von Radkau ebenso kritisch seziert wie die Widersprüche des Umweltrechts oder des Tierschutzes. Auch die blinden Flecken der Bewegung werden nicht ausgespart. Doch erweist sich zugleich, dass ökologische Denkansätze immer wieder eine grenzüberschreitende Kraft der Integration entfaltet haben.

Die Ära der Umweltbewegung ist längst nicht abgeschlossen. Die Fragen der ökologischen Gerechtigkeit und des Schutzes der Atmosphäre werden heute auf globaler Ebene diskutiert. Es bedarf Radkaus Übersicht und seiner historischen Instinkte, sich in den Biotopen des grünen Milieus nicht zu verlaufen. Trotz ihrer subjektiven Färbung wird seine Weltgeschichte ihrem Gegenstand gerecht. Sie beschwört die kreativen Kräfte des vernetzten Denkens und bietet Aufklärung im besten Sinne. Darüber hinaus bereitet sie auf Zielkonflikte der Zukunft vor, denen gegenüber die jüngere Vergangenheit harmlos erscheint.

Dirk van Laak ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Gießen.